Walter Kohl im Interview: Das Wort ist das wichtigste Steuerungs- und Führungsinstrument

Walter Kohl ist Unternehmer, Autor und Redner. Er ist auch Sohn des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl.

Das Thema „öffentliche Rede“ und ihre erwünschten und unerwünschten Wirkungen hat Walter Kohl schon sehr früh erlebt: Politische Reden Helmut Kohls hatten nicht nur eine Wirkung nach außen. Als „Sohn vom Kohl“ wurde Walter Kohl auch später noch mit der Politik seines Vaters in Verbindung gebracht.

Über das Redenhalten und die Macht des Wortes, über Präzision, Autorität und über die Folgen unsorgfältiger Kommunikation auch in der Politik sprach Walter Kohl mit dem Chefredakteur des Rhetorikmagazins, Christian Bargenda. –

Herr Kohl, Sie stehen regelmäßig als Redner vor Publikum und sprechen unter anderem über Stärke. Was macht für Sie einen starken Redner aus?

Stark wird ein Redner, wenn er beim Publikum einen Eindruck hinterlässt – quasi einen Fußabdruck in der Erinnerung des Publikums. Um diese Stärke zu erreichen, bedarf es verschiedener Elemente: zum einen eine eigenständige Persönlichkeit, sicher auch Rhetorik, aber vor allem das Erreichen von Betroffenheit. Damit meine ich, dass die Zuhörer das miterleben und mitfühlen können, was der Redner ausdrücken will. Wir möchten ja vom Redner etwas hören, das uns bereichert. Das kann ein Sachthema, ein emotionales Thema– oder ein persönliches Thema sein. Starke Redner erzielen Betroffenheit im positiven Sinne des Wortes.

Wie kann einem Redner das gelingen?

Zuerst muss er für sich wissen, warum er etwas sagt. Ich stelle mir immer die gleichen Fragen: Würde ich meinem Vortrag selbst gerne zuhören? Warum würde ich mir gerne zuhören – oder warum nicht? Welche Elemente des Vortrags sind hilfreich für andere – und welche sind vielleicht nur Selbstverliebtheit?

Ein sehr gutes Mittel ist, den Vortrag vor dem Spiegel zu üben und zu beobachten, wie man wirkt. Ich denke, das Üben vor dem Spiegel wirkt noch stärker als mit Video. Zudem hilft es, einen Vortrag vor Menschen zu üben – ich halte z. B. Vorträge auch vor meinen Kindern. Jugendliche sind sehr harte Kritiker, und mein Sohn ist für mich eine große Hilfe in der Entwicklung von Vorträgen.

In Ihrem gemeinsamen Buch mit Anselm Grün schreiben Sie, schon als Schüler schien es Ihnen normal, vor anderen das Wort zu ergreifen, weil Sie Ihren Vater oft als Redner vor vielen Menschen erlebten. War Ihnen damals bewusst, dass Sie damit einen Vorteil gegenüber anderen haben?

Nein, ich hatte genauso und habe auch heute noch Lampenfieber, auch manchmal Hemmungen. Das ist doch natürlich. Ich habe sicherlich durch die Sozialisierung in meiner Familie das Thema Reden in der Öffentlichkeit frühzeitig mitbekommen. Aber ich habe auch die andere Seite des Redens erlebt, das Buhen, die Auseinandersetzungen, gerade in den 70er Jahren mit ihrer ideologischen Verhärtung.

Haben Sie rhetorische Vorbilder?

Ich habe Menschen, von denen ich mir Dinge gerne abschaue. Das ist etwas anderes als ein Vorbild. René Borbonus ist jemand, den ich sehr schätze und der in seinem Umgang mit Sprache für mich in vielen Bereichen eine Inspiration ist.

Ihr Sohn Johannes ist politisch und rhetorisch aktiv – können Sie für ihn rednerisch ein Vorbild sein?

Das soll er beantworten.

Fragt er Sie nach rhetorischen Tipps?

Ich habe ihm geholfen, als es um Referate in der Schule ging. Damals haben wir die Aufgaben gemeinsam kreativ lösen können, und es ging ihm ähnlich wie mir. Plötzlich war der Moment da, als er merkte: „Oh, ich kann das!“ Ich habe bei verschiedenen Kindern in meinem Bekanntenkreis versucht, das Thema Präsentation als ein Werkzeug näher zu bringen – nach dem Motto: „Wenn Du etwas zu sagen hast, dann trau Dich auch, es zu sagen.“

Als Sie mit Ihren Themen in die Öffentlichkeit gegangen sind – mit Ihrem persönlichen Werdegang und mit den besonderen Herausforderungen Ihrer Herkunft: Wie haben Sie sich auf den Umgang mit den Medien vorbereitet?

So gut wie gar nicht. Ich bin ins kalte Wasser gesprungen, und es gab eine Szene, die mich dabei sehr geprägt hat. Es war beim ersten Fernsehauftritt bei Reinhold Beckmann im Februar 2011. Ich war sehr nervös, und einer der Mitarbeiter von Beckmann sagte mir einen Satz, der mir sehr geholfen hat: „Herr Kohl, denken Sie einfach, Sie sitzen am Küchentisch.“ Wenige Sekunden später saß ich dann im Studio und sagte lautlos „Küchentisch, Küchentisch“ zu mir selbst. Ich wurde ruhiger, die grellen Studioscheinwerfer haben mich nicht mehr so sehr geblendet, und ich hatte das Gefühl „Du schaffst das“, denn neben mir saßen Herr Beckmann und Herr Gauck – also wirklich starke Persönlichkeiten. Dieser Abend war für mich der große Sprung ins kalte Medienwasser, und ich habe gespürt, dass ich das kann.

„Das Wort verleiht große Macht, nutze sie weise und respektvoll.“ Das war ein Leitsatz Ihrer Deutsch- und Geschichtslehrerin. Was bedeutet dieser Satz für Sie heute, wenn Sie in Unternehmen oder in die Politik sehen?

Er bedeutet mir sehr viel, denn das Wort ist das wichtigste Steuerungs- und Führungsinstrument. Führungskräfte leben vom Wort. Sie sollten das Wort sehr sorgfältig, sehr qualitätsbewusst im Sinne von wahrhaftig und weise einsetzen. Denn wenn sie das Wort verschleudern, verschleudern sie auch ihre Autorität. Nichts ist schlimmer als eine Führungsperson, die beliebig im Wort ist – ob das in der Politik ist oder in der Industrie oder im Sport. Ein Fußballtrainer genauso wie ein Bundeskanzler, der Vorstand eines Unternehmens oder der Leiter eines großen Krankenhauses: sie alle leben vom Wort. Es ist schon fast eine biblische Aussage. Am Anfang war das Wort. Allerdings haben wir in vielen gesellschaftlichen Bereichen heute leider ein eher schlampiges Verhältnis zum Wort.

Wie erleben Sie es: Wird die Macht des Wortes heute eher genutzt oder eher verspielt?

Ich erlebe, dass wir uns durch die Digitalisierung sehr schnell zu allem äußern können. Damit ist oft ein Qualitätsverlust beim Nachdenken verbunden. Früher wurden Briefe auf Papier geschrieben und zum Briefkasten gebracht. Heute kann jeder sofort einen Kommentar in die sozialen Medien schreiben, vielleicht auch anonym. Schnell heißt nicht immer gut.

Ich denke, dass häufig die Fähigkeit und der Wille zu qualitätsvoller Sprache sehr leiden. Das finde ich sehr schade, denn Worte verbinden uns. Wenn wir im Wort schlampig sind, haben wir auch schlampige Verbindungen.

Von Konfuzius stammt ein Satz, der mir sehr wichtig ist. Er sagt sinngemäß: „Wenn wir die Dinge richtig benennen, haben wir das Problem zur Hälfte gelöst.“ Wenn ich jemanden coache, achte ich daher sehr darauf, dass mein Coachee und ich die Klarheit haben, was die wichtigen Wörter angeht.

Wenn ich mich auf Vorträge vorbereite, arbeite ich mit Schlüsselworten. Ich arbeite mich quasi wie ein Bergsteiger von einem Tritt zum nächsten – die Schlüsselworte sind die Trittsteine.

Das, was man zu sagen hat, sollte man präzise in Worte packen. Das heißt nicht, dass man fertig formulierte Sätze oder gar Satzschlangen verwendet, sondern dass man die wichtigsten Begriffe sauber durchdenkt, sauber dekliniert und präzise präsentiert. Das ist eine Sache, die weder in der Schule ausgebildet, noch durch die digitale Kultur gefördert wird.

Sie haben in den USA studiert und gearbeitet und Sie sind geschäftlich in Fernost bzw. in Korea aktiv. Lernt man Rhetorik dort besser als hier?

Jede Kultur hat ihren eigenen Umgang mit Worten, mit Gestik, mit Körpersprache. Ein zurückhaltender asiatischer Stil wirkt natürlich anders als ein eher direkter, persönlicher US-amerikanischer Stil. Aber das ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass das, was uns alle verbindet, gleich ist – nämlich das Bedürfnis nach präziser, klarer Formulierung. Sowohl in meiner Zeit in den USA als auch in Asien habe ich die gleiche Erfahrung gemacht: Die Menschen, die präzise und klar artikulieren, haben Autorität. Sie können Führung ausüben. Sie wirken reflektiert und werden daher mit Vertrauen ausgestattet.

Einmal haben Sie gesagt: „So wie wir miteinander umgehen, so wie wir miteinander kommunizieren – so werden die Ergebnisse sein!“ Was gehört für Sie in diesem Sinne zu einer gelungenen Kommunikation?

Das wichtigste ist, dass die Kommunikation zwischen Sender und Empfänger zu einem gemeinsamen Verständnis des Themas führt. Dann können gemeinsame Reaktionen bzw. Aktionen entstehen. Wenn Sie allerdings eine Kommunikation leben, die auf Angst, Druck und Schreien beruht, bekommen Sie Verweigerung, Duckmäusertum und Missverständnisse.

Das sehen wir sehr plastisch in bestimmten Unternehmen oder in Teilen der Politik. Leicht entstehen nicht nur Missverständnisse, sondern auch Protest, Abwendung und die Flucht in vermeintliche Alternativen. Der Schlüssel in der Kommunikation ist der richtige Umgang mit dem Wort, und menschliche Gemeinschaft beginnt beim Wort.

Interview: Rhetorikmagazin


Das Gespräch zwischen Walter Kohl und Christian Bargenda fand beim internationalen Konvent der German Speakers Association 2016 statt. Walter Kohl trat hier als Redner auf und sprach vor Experten verschiedener Fachrichtungen über Stärke, Persönlichkeit und die Möglichkeiten, den „biografischen Rucksack“ zu überwinden und in Energie zu kommen.


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