Das perfekte Gedächtnis für Ihre Rede: So sprechen Sie frei

Eine umfassende Anleitung für Redner vom Gedächtnistrainer und mehrfachen Weltrekordhalter Boris Nikolai Konrad. –

Viele Redner und Referenten halten sich bei Ihren Vorträgen immer noch an Manuskripten oder Notizkarten fest. Obwohl sie ihre Themen kennen, trauen sie dem eigenen Gedächtnis nicht. Dabei haben schon die griechischen Rhetoriker festgestellt, dass die Memoria, die Gedächtnisleistung, eine der fünf wesentlichen Säulen für eine gute Rede ist. Und sie haben dafür Methoden erfunden, die heute noch genauso gut funktionieren wie vor 2.500 Jahren.

Diese Gedächtnistechniken heißen, nach dem griechischen Wort für Gedächtnis „mneme“, auch Mnemotechniken. Bereits mit wenig Übung und unabhängig von Vorkenntnissen sind große und messbare Erfolge möglich.

Dieses Versprechen hätte ich wahrscheinlich selbst vor wenigen Jahren noch ungläubig belächelt. 13 Jahre Schule, später vielleicht noch Studium und Fortbildung. Kann es da wirklich sein, dass es Lernmethoden gibt, die vergleichbar unbekannt sind und trotzdem viel bessere Leistungen ermöglichen? Ich wollte das unbedingt wissen und ausprobieren, nachdem ich erstmals davon hörte. Inzwischen habe ich verschiedene Weltrekorde aufgestellt, zum Beispiel das Einprägen von 280 Begriffen sowie das Lernen von 201 Namen zu den passenden Personen in jeweils 15 Minuten. Seit einigen Jahren bin ich als Gedächtnisexperte tätig und arbeite auch wissenschaftlich in der Gedächtnisforschung.

Was mir noch wichtiger ist als meine eigenen Erfolge: Die vielen positiven Rückmeldungen aus meinen Vorträgen und Seminaren. Sie zeigen mir: Ein gutes Gedächtnis ist erlernbar! Die Methoden sind für schnelle Erfolge im Alltag und Berufsleben geeignet.

Aber was ist nun das Erfolgsrezept? In nur drei Worten würde es lauten:  In Bildern denken!

Wenn Sie sich Dinge vorstellen, versuchen Bilder vor dem inneren Auge zu sehen oder zumindest an etwas Bildhaftes zu denken, dann werden nachweislich andere Gehirnareale aktiviert und so beim Lernen miteinbezogen. Zum Beispiel Gehirnareale, die mit Fantasie sowie räumlichem Vorstellungsvermögen zu tun haben und die normalerweise beim faktenbasierten Lernen kaum eine Rolle spielen. Zugleich aber ist das Gehirn viel besser darin, sich Bilder zu merken als Texte oder Fachinformationen.

Denken Sie doch einmal zurück an ein besonders schönes Erlebnis. Was fällt Ihnen dazu ein? Bilder! Emotionen, Gesichtsausdrücke der Menschen die dabei waren. Wie es dort ausgesehen hat, mehr oder weniger detailliert. Aber wüssten Sie auch spontan das genaue Datum? Texte oder Fakten die mit dem Ereignis zusammenhängen? Solche Informationen sind nachrangig und kommen Ihnen, wenn überhaupt, langsamer in Erinnerung.

Übrigens: Mit Bildern meine ich mehr als eine rein visuelle Vorstellung. Es geht nicht um „Fotos“. Sie brauchen sich auch keine Sorgen machen, wenn Sie das Gefühl haben nur schlecht Dinge vor dem inneren Auge sehen zu können. An die Vorstellung zu denken, reicht aus. Das Vorstellungsvermögen lässt sich trainieren. Bei den mentalen Bildern gehört Bewegung dazu, auch Geräusche, Gerüche, manchmal sogar Geschmack. Wichtig sind auch Emotionen die ein Bild bei Ihnen auslöst, da Sie so auch sehr langweiligen Stoff mit Bedeutung versehen können.

Das Prinzip des bildhaften Denkens wenden wir auch bei der wichtigsten Mnemotechnik direkt an, der Routenmethode.

Mit dieser können Sie sich Stichwörter in der richtigen Reihenfolge merken und so auch ganze Reden. Hierbei wird ausgenutzt, dass unser Gehirn sich bestimmte Dinge extrem gut merken kann, räumliche Informationen zum Beispiel. Sie wissen alle, wie es bei Ihnen zu Hause aussieht, bei der Arbeit, in der Stadt – obwohl Sie das nie bewusst auswendig gelernt haben. Und es fällt Ihnen daher auch leicht, dort markante Punkte durchzuzählen und sich deren Reihenfolge zu merken.

Ein erstes Beispiel für die Routenmethode ist die Körperliste. Hierbei nehmen wir gar keine Route an einem realen Ort zur Hilfe, sondern wir merken uns zehn Punkte am menschlichen Körper. Das wird Ihnen leicht fallen, weil Sie natürlich schon wissen wie der Körper aufgebaut ist. Aber anschließend haben Sie ein sehr mächtiges Werkzeug für Ihr Gedächtnis parat!

Ihre Aufgabe ist es also, sich die folgende Liste von Körperteilen zu merken. Stellen Sie sich den Körper dabei bitte so bildhaft wie möglich vor. Gehen Sie die Liste bitte zwei- oder dreimal langsam durch und überprüfen dann, ob Sie alle zehn Punkte der Reihe nach benennen können.

1. Füße
2. Knie
3. Oberschenkel
4. Po
5. Bauch
6. Brust
7. Schultern
8. Hals
9. Mund
10. Augen

Das war nicht schwer, oder? Die Körperteile sind zwar recht beliebig gewählt, aber da die Reihenfolge klar und logisch ist und Sie Ihren Körper gut kennen, ist das sehr einfach. Aber mit diesem Werkzeug und natürlich mit Bildern können Sie sich nun beliebige Inhalte in der richtigen Reihenfolge einprägen. Und zwar so:

Sie stellen sich das bildhaft vor, was Sie lernen möchten. Ist es etwas komplizierter, suchen Sie sich ein Bild, das Sie an den eigentlichen Inhalt erinnert. Dann verknüpfen Sie die Bilder mit dem jeweiligen Punkt der Körperliste.

Wie gehen professionelle Redner vor?

Nehmen wir einmal an, Sie möchten sich 10 Stichworte für eine fiktive Rede zum Baubeginn eines Fußballplatzes einprägen. Das folgende Beispiel mag nicht das realistischste sein, und rhetorisch wäre das sicher keine gute Rede, aber als Gedächtnisübung tut es seinen Dienst. Sie sollen ja vor allem erleben, wie die Routenmethode funktioniert!

Um sich die jeweiligen Bilder zu merken, verknüpfen Sie diese mit den Punkten der Körperliste. Es ist dabei sehr wichtig, dass Sie sich die Bilder wirklich vorstellen und nicht nur ausdenken. Das führt zur Aktivierung der entsprechenden Gehirnbereiche und damit zur besseren Merkleistung. Sie denken also bei jedem Stichwort an den Routenpunkt und verknüpfen die Bilder über eine Aktion oder etwas Lustiges mit dem Punkt.

1. Begrüßung. Herrn Müller erwähnen!

Der erste Wegpunkt sind die Füße. Sie können sich also vorstellen, wie Ihre Zehen plötzlich sprechen können und sich begrüßen. Da fällt plötzlich ein Mehlsack vor Ihre Füße und bedeckt die Zehen mit Mehl – als Bild für Herrn Müller.

2. Bitte um Spenden

Weiter geht’s bei den Knien. Mein Bild wäre, dass Ihr Knie plötzlich ein Sparschwein ist und einen Geldschlitz hat. Da werfen Sie die ganzen Spenden hinein, die Sie heute einwerben.

3. Umweltschutzverein für Zusammenarbeit danken

Auf dem Oberschenkel ist ja auch die Hosentasche. Ich stelle mir vor, wie ich ganz viel Kompost aus meinen Hosentaschen hole, als Bild für den Umweltschutz.

4. Bauplanung beschreiben

Mit Ihrem Po setzen Sie sich auf den Bauplan, der Ihnen an der Hose kleben bleibt.

5. Geplante Fertigstellung: 5. Dezember

Ihre Hand hat 5 Finger. Den Dezember verbinden Sie sicher mit Weihnachten. Stellen Sie sich vor, wie Sie einen Schokoladenweihnachtsmann mit Ihrer Hand auf Ihrem Bauch zerdrücken, statt ihn zu essen. So haben Sie über zwei Bilder und den Wegpunkt das Datum gelernt.

Hier möchte ich Sie bitten, sich für die folgenden fünf Wegpunkte selbst Bilder zu überlegen, wie Sie die Stichwörter mit den jeweiligen Punkten der Körperliste verknüpfen können.

6. Eröffnungsspiel gegen den FC Bayern München
7. Neue Jugendabteilung in Gründung
8. Flutlicht evtl. später
9. Aufruf zur Unterstützung während Umbau
10. Buffet eröffnen

Fertig? Gehen Sie bitte noch einmal alle zehn Wegpunkte durch und überprüfen Ihre Bilder. Anschließend nehmen Sie am besten etwas zu schreiben zur Hand und versuchen sich an die zehn Stichwörter für Ihre Rede zu erinnern. Ich bin mir sicher, es wird Ihnen gelingen. Auch, wenn Sie mit dem Aufschreiben bis morgen warten.

Und wenn doch ein Punkt fehlt? Ist das nicht schlimm! Denn ein wichtiger Vorteil der Routenmethode ist, dass Sie plötzlich wissen, was Sie vergessen haben. Das klingt paradox, ist aber in der Tat der Fall. Wenn Sie nicht mehr wissen, was in der Hosentasche war, reißt Ihnen jetzt nicht mehr rote Faden. Sie machen einfach beim nächsten Wegpunkt weiter.

Idealerweise bemerken Sie es aber in der Vorbereitung und brauchen dann nur dieses eine Bild neu lernen, also in diesem Beispiel, was in der Hosentasche war. Zusätzlich ermöglicht die Routenmethode, dass Sie die Reihenfolge der Informationen genau wissen und auch Teile weglassen oder überspringen können, indem Sie einfach zum nächsten Punkt gehen, wenn das zum Beispiel aus Zeitgründen nötig ist.

Die Routen können Sie immer wieder verwenden.

Weil die zehn Punkte am Körper doch etwas wenig sind, empfehle ich Ihnen, sich dann doch die eine oder andere Gedächtnisroute an echten Orten „anzulegen“. Dafür müssen Sie nur markante Gegenstände oder Orte der Reihe nach nummerieren. Sie können zum Beispiel mit der Haustür anfangen und ihr die Nummer eins geben. Dann gehen Sie im Zimmer herum und beziehen die Dinge in Ihre Route mit ein, die Ihnen als erste auffallen. Sind Sie mit dem Zimmer durch, gehen Sie ins nächste. Optimalerweise versuchen Sie immer nach fünf bis zehn Punkten, die Richtung oder das Zimmer zu wechseln. Dann können Sie die Route nämlich schneller durchlaufen und gleich von Punkt 1 zu Punkt 11 springen, wenn Sie die Rede zum Beispiel in mehrere Teile aufgeteilt haben.

Der Aufwand, um sich die erste Route „einzurichten“ ist deutlich geringer als Sie jetzt vermutlich schätzen.

Egal ob Sie in einem großen Haus wohnen oder in einer kleinen Einzimmerwohnung. 50 Routenpunkte sind auf jeden Fall möglich und es wird nicht länger als eine Stunde dauern, sich die 50 Punkte zu überlegen und zu merken. Mit diesen 50 Punkten können Sie sich dann schon sehr viele Informationen einprägen. Die Informationen behalten Sie über die Bilder auch für einige Zeit. Und wenn Sie die Bilder gelegentlich wiederholen, also die Route noch mal durchgehen, können Sie das praktisch beliebig verlängern. Wenn Sie wollen, für immer!

Zusammengefasst: Die Routenmethode war schon das wichtigste Lernwerkzeug der antiken Rhetoriker und ist aktueller denn je. Sie ist auch das „Geheimnis“ aller Gedächtniskünstler und ermöglicht jedem mit etwas Vorbereitung fantastische Gedächtnisleistungen. Der einmalige Aufwand wird mit einem lebenslang verfügbaren Werkzeug für Ihr Gedächtnis belohnt und ist absolut empfehlenswert.

Autor: Boris Nikolai Konrad
© Rhetorikmagazin


Das Hörbuch zum Namenlernen von Boris Nikolai Konrad

Boris Nikolai Konrad ist Gedächtnis-Teamweltmeister, mehrfacher Weltrekordhalter im Namenmerken und Gedächtnistrainer. Er ist Neurowissenschaftler und als Gastwissenschaftler am Max-Planck-Institut tätig. Der 5-Sterne-Trainer und Redner kennt, nutzt und lehrt intensiv alle Möglichkeiten, die zur Verbesserung des Gedächtnisses zur Verfügung stehen.

Als Experte für Gedächtnistraining und Mnemotechnik hat er nach erfolgreichem Studium der Physik und Informatik seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. In seinen spannenden Vorträgen und Seminaren demonstriert er die verschiedenen Methoden zur Gedächtnisverbesserung praxisnah und nachhaltig. Sein eigenes Namensgedächtnis ist phänomenal. So stellte der Experte für Lernmethoden zusätzlich zu seinen bisherigen Rekorden anlässlich der Gedächtnis-Weltmeisterschaften 2010 in China einen neuen Weltrekord auf: Er merkte sich fehlerfrei 201 Namen und Gesichter in nur 15 Minuten.


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Rhetorikmagazin
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Dieser Beitrag wurde exklusiv für das Rhetorikmagazin verfasst - das rhetorische Fachmagazin mit Analysen, Hintergrundinformationen und Expertentipps für Ihre Reden, Vorträge und Präsentationen. Die Autoren und Interviewpartner des Rhetorikmagazins sind renommierte Spezialisten für Rhetorik, Sprache, Kommunikation, Führung und zahlreiche an die Rhetorik angrenzende Bereiche. Sie haben Fragen oder Anregungen? Kontaktieren Sie gerne die Redaktion. Wir freuen uns über Ihre Nachricht. Sie finden das Rhetorikmagazin auch auf Twitter, Youtube und Google+.