Folien, die Sie tatsächlich unterstützen: Rhetorikwissen vom Präsentationsprofi Michael Moesslang

Teil fünf der sechsteiligen Serie mit Tipps für Ihre Präsentationen und Reden. Von Michael Moesslang. –

Kennen Sie folgende Situation? Der Präsentator liest die Texte seiner Folien wörtlich vor.

Womöglich dreht er sich dazu sogar zur Wand. Und danach kommentiert er den Text ein wenig, um dann gleich zum nächsten „Bullet-Point“ (Aufzählungspunkt) zu gehen und diesen vorzulesen.

Immer die gleichen Fehler

Leider ist das oben beschriebene Szenario Alltag. Und damit sind gleich mehrere Fehler gemacht:

  1. Vorgelesene Texte bzw. Texte, die das Publikum sowohl lesen könnte oder liest, die der Redner dann noch wörtlich oder ähnlich vorträgt, sind kontraproduktiv. Es ist ein Irrglaube, dass diese Verdoppelung den Aufnahme- oder Lernprozess unterstützen und verbessern würde. Das Gegenteil ist der Fall. Es entsteht erwiesenermaßen tatsächlich Verwirrung durch die Doppelung.
  1. Blickt der Präsentator zur Leinwand, verliert er den Kontakt zu seinem Publikum. Wenn er schon seine Notizen ansehen muss, sollte er auf seinen Monitor sehen. So muss er sich wenigstens nicht wegdrehen. Durch gute Vorbereitung kann er sogar den Blick zum Monitor weitgehend vermeiden. Ein Redner, der sich zu seinen Inhalten umdrehen muss, ist also kaum vorbereitet.
  1. Die genannte Vorgehensweise setzt voraus, dass lange Texte, vermutlich ganze Sätze, auf den Folien stehen. Auch das ist störend für den Lernprozess. Im Idealfall stehen da Stichpunkte oder noch besser sind Bilder zu sehen (Fotos, Grafiken, Illustrationen oder Diagramme). Was der Redner sagt, muss keinesfalls auch auf der Folie stehen. Sonst würden ja freie Reden nicht funktionieren (und oft funktionieren sie sogar besser!).

Sinn und Zweck von Folien

Der Begriff „PowerPoint-Präsentation“ ist irreführend. Er suggeriert, dass die Datei bzw. die Folien die Präsentation wären. Die Präsentation ist die Veranstaltung, zu der Ihr Publikum gekommen ist. Und dort sind das Wichtigste keinesfalls die Folien. Das Wichtigste sind Sie als Redner. Wären es die Folien, könnten Sie diese einfach per E-Mail senden und fertig. Das Publikum will aber erleben, wie Sie selbst überzeugt sind und Vertrauen zu Ihnen aufbauen. Das ist der Grund für eine Präsentation.

Die Folien sind ein Werkzeug, das den Redner unterstützt. Nicht mehr und nicht weniger. Und wenn eine Folie diesem Zweck nicht dient, dann hat sie in der Präsentation nichts verloren. Stellen Sie sich also schon in der Vorbereitung die Frage:

„Unterstützt diese Folie meine Aussagen oder lenkt sie womöglich von mir ab?“

Denn Sie sind der Protagonist, die Folien nur die Kulisse.

Es gibt Menschen, die versuchen, PowerPoint zu verbannen. Das ist auch Quatsch! Denn sobald Sie ein Produkt zeigen wollen, das Sie nicht mitbringen können (zu klein, zu groß, noch nicht fertig), einen Ablauf zeigen oder Zahlen im Verhältnis zueinander visualisieren wollen, ist PowerPoint ein wertvolles Werkzeug. Nur Text brauchen Sie tatsächlich viel seltener als die meisten glauben. Ersetzen Sie Text durch Abbildungen. Oder lassen Sie ihn einfach weg. Sie können Präsentationen vollkommen ohne PowerPoint geben, wenn Sie nichts zeigen müssen. Oder Sie zeigen nur ab und zu eine Folie und sprechen sonst frei, ohne Folie.

Und die Dokumentation?

Ein weiterer Grund, warum Präsentatoren viel Text auf eine Folie machen, ist, dass sie die Folien als Handout verwenden. Auch das ist ein gravierender Fehler, wenn auch – zugegeben – zeitsparend. Eine Folie, die als Handout dient, braucht verständlichen, also ausführlichen Text. Das aber ist aus den oben genannten Gründen für eine Präsentation schlecht.

Die professionelle Vorgehensweise ist es also, ein separates Handout zu erstellen. Das ist auch viel sinnvoller. Gilt die Präsentation einem Vorstand, braucht dieser eine einseitige Zusammenfassung, ein Ausdruck der Folien wäre schon zu viel. Gilt sie Menschen, die mit den Informationen arbeiten müssen, beispielsweise Technikern, brauchen diese Zusatzinformationen, die in der Präsentation keinen Platz haben (beispielsweise weiterführende Informationen, Quellenangaben, Links und dergleichen). Folien sind da zu wenig umfangreich.

Vermeiden Sie daher künftig volle Folien. Wie Sie dennoch Notizen an ihrem Bildschirm sehen, dazu bald ein weiterer Artikel. Doch Blicke zur Wand, lange Texte auf den Folien und viele Bullet-Points sollten längst der Vergangenheit angehören. Wenn Sie einen professionellen Eindruck hinterlassen wollen, verzichten Sie darauf. Zudem werden Ihre Präsentationen besser ankommen und mehr erreichen, vor allem überzeugender sein. Das zeigt die Erfahrung.

Autor: Michael Moesslang
© Rhetorikmagazin


Michael Moesslang ist „Der Hitchcock der Präsentation“, 5-Sterne-Redner, Top-100-Excellence-Trainer, Coach, Erfolgsautor und Experte für spannende und überzeugende Präsentationen. Er ist Inhaber des PreSensation Institute in München.

Michael Moesslang - präsentieren wie HitchcockSeine Keynote-Vorträge und Seminare zu den Themen Präsentation, Rhetorik, persönliche Wirkung und Körpersprache motivieren, seine gelebte und stimmige professionelle Authentizität aktiviert. Seine Überzeugung ist, dass jeder einzelne durch die eigene persönliche Wirkung und durch Selbstsicherheit im Auftreten zum positiven Botschafter für sich und sein Unternehmen wird.

Als Experte seines Faches bezieht er aktuelle Erkenntnisse aus der Psychologie und den Verhaltenswissenschaften ein. Michael Moesslang aktivierte als Vortragsredner und Lehrbeauftragter – z. B. St. Galler Business School – bereits Zuhörer in über 1.000 Vorträgen und Präsentationen. Sein Buch „So würde Hitchcock präsentieren: Überzeugen Sie mit dem Meister der Spannung“ führte wochenlang die Bestsellerliste „Präsentation“ bei Amazon an.


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