Redeanalyse und Rhetoriktipps: Angela Merkels Sprachstil in der Bundespressekonferenz

Als begnadete Rednerin ist Angela Merkel nicht bekannt. Dass sie in Sachen Rhetorik noch einiges lernen könnte, zeigt sich sowohl daran, wie sie ihre Inhalte sprachlich verpackt, als auch in der Darbietung.

Sehen wir uns bei dieser Reseanalyse Frau Merkels Sprachstil am Beispiel einer Bundespressekonferenz an (siehe Video unten in diesem Beitrag).

Bereits bei der Begrüßung wirkt Merkels Sprache unnatürlich formal. Sie sagt: „… Ich freue mich darauf, Ihnen heute wieder einmal im Rahmen dieses Hierseins in der Bundespressekonferenz Rede und Antwort zu allen Themen zu stehen, die uns beschäftigen, die Sie beschäftigen …“. Selbst im formalen Geschäftsleben würde kaum jemand solch eine Begrüßung wählen.

Expertentipp: Machen Sie sich bei Ihren Reden oder Präsentationen bewusst, dass Sie einen Dialog mit Menschen führen. Dann passieren Ihnen keine Formulierungen wie „… im Rahmen dieses Hierseins …“. Eine Rede ist immer auch ein Gespräch mit dem Publikum. Seien Sie bei Ihren Auftritten daher natürlich. Denn so können Sie eine bessere, engere Beziehung zu Ihrem Publikum aufbauen.

Was bei Angela Merkel weiter auffällt:

  • Substantivierungen:
    „… haben wir wichtige Weichenstellungen vorgenommen …“ statt „Wir haben wichtige Weichen gestellt.“
  • Passivkonstruktionen:
    „… die Entscheidungen wurden gestern getroffen …“ statt „Wir haben gestern entschieden, …“
  • Man-Formulierungen:
    „Das kann man zusammenfassen in einem Satz …“ statt „Ich fasse in einem Satz zusammen …“
  • Formulierungen, die nicht passiv sind, aber dennoch Passivität ausdrücken:
    „Dazu kann die Politik einen Beitrag leisten.“ statt „Dazu leiste ich mit meiner Politik einen Beitrag.“

Was bedeutet das? Wie fühlt sich der Zuhörer? Denken Sie einmal an Ihren letzten Steuerbescheid, und Ihnen werden dieselben Stilmittel auffallen, die Merkel in Ihren Reden verwendet. Auch dort werden Substantivierungen und Passivkonstruktionen eingesetzt. Im Brief vom Amt kann das sinnvoll sein. Aber in einer Rede? Hier schafft der Amtsstil Distanz zum Gesagten und zum Publikum.

Expertentipp: Formulieren Sie Ihre Reden grundsätzlich aktiv. Aber: Passivkonstruktionen können in einer Rede auch wirkungsvoll sein. Das Passiv, zu Deutsch „Leidensform“, sollten wir dann verwenden, wenn wir tatsächlich etwas erleiden, wenn wir nichts gegen etwas tun können – aber wirklich nur dann. Mit dem Passiv können wir Leiden noch stärker betonen. Beispiel: „Der Hund hat mich gebissen.“ und „Ich wurde vom Hund gebissen.“ Spüren Sie den Unterschied?

Um beim Vergleich mit dem Amtsbrief zu bleiben: Frau Merkel hält hier weniger eine Rede, sondern mehr eine Schreibe. Dabei könnte ihr Redenschreiber mit einem aktiveren Sprachstil, mit weniger Substantivierungen und ohne Man-Formulierungen Frau Merkel zu wesentlich mehr Lebendigkeit und Publikumsnähe verhelfen.

(Das Video wird nicht richtig angezeigt? Sie können es auch direkt bei Youtube ansehen.)

Gegen Ende ihrer Ansprache sagt Angela Merkel: „Vielleicht haben Sie ja wie ich gerade auch in den letzten Monaten gespürt, dass es eine Zeit rasanter Beschleunigung und Veränderungen ist.“ Warum nicht: „… dass sich in letzter Zeit vieles sehr schnell verändert“. Das Rhetorikmagazin würde eine rasante Veränderung des Sprachstils empfehlen, dem Publikum zuliebe.

Rhetorikmagazin
© Christian Bargenda, rhetorikmagazin.de


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