Schein oder Sein auf der Rednerbühne: Wie Authentizität, Inszenierung & Charisma zusammenspielen

Was ist Authentizität und wo liegen ihre Grenzen? Wann wird aus einem authentischen Menschen ein Charismatiker? Ein Fachbeitrag vom Kommunikationsexperten Georg Wawschinek. –

„Gute Redner müssen charismatisch und authentisch sein!“ Authentizität – alle sprechen davon, alle wollen es.

Während meines Sommerurlaubes konnte ich mich kaum vor Authentizität retten: Ich erlebte das „authentische Las Vegas“, probierte „authentische amerikanische Küche“ und erlebte in New York den „authentischen American Way of Life“. Wenn ich für jedes „authentisch“ einen Dollar bekommen hätte, wäre meine Reisekasse nochmal ordentlich aufgebessert worden.

Authentizität scheint der neue Trend zu sein. Es bedeutet so viel – und ist gleichzeitig so vage.

Was also ist Authentizität überhaupt? Schnell mal bei Wikipedia, unserem Freund in allen Lebenslagen, nachgeschaut: Es geht darum, dass „Sein und Schein als übereinstimmend empfunden werden.“ Das Wort „empfunden“ macht mich stutzig.

Authentizität ist demnach etwas, das einzig und allein beim BETRACHTER entsteht – ebenso wie Charisma.

Sie können also für sich selbst weder authentisch noch charismatisch sein, so sehr Sie sich auch anstrengen. Tut mir leid, leider keine Übung, die Sie alleine zuhause auf dem Sofa absolvieren können. Und Sie können sich auch nicht 100 Gramm Authentizität kaufen. Stattdessen gilt es, all Ihre Energie darin zu investieren, ein stimmiges und somit authentisches Bild von sich selbst zu präsentieren.

Mir stellt sich jetzt zwangsläufig die Frage, was eigentlich der eben genannte „Schein“ ist. Damit befassen sich interessanterweise sehr viele Präsentations- und sonstige Trainer. Dinge „scheinen“ zu lassen.

Viele Menschen, die auf der Jagd nach ihrer Authentizität sind, rennen solchen Coaches geradezu die Bude ein. Sie glauben, mit der richtig Gestik, Mimik, Ausdrucksweise, Kleidung und so weiter können sie absolut unverwechselbar und authentisch werden.

Georg Wawschinek: "Wir müssen erst einmal herausfinden, wer wir wirklich sind. Dann erst können wir anfangen, über den Begriff „authentisch“ nachzudenken und wie wir uns den passenden „Schein“ zulegen."
Georg Wawschinek: „Wir müssen erst einmal herausfinden, wer wir wirklich sind. Dann erst können wir anfangen, über den Begriff „authentisch“ nachzudenken und wie wir uns den passenden „Schein“ zulegen.“

Merken Sie schon, dass die Sache einen Haken hat?

Die Trainings alleine reichen nämlich noch nicht. Dann haben Sie bestenfalls einen Sack voller verschiedener antrainierter Möglichkeiten – genau dieselben wie alle anderen Trainingsteilnehmer. Schlimmstenfalls droht uns dann irgendwann die Apokalypse der Zombie-Redner, die sich alle gleich geben und bewegen. Seelenlos statt authentisch – eine gruselige Vorstellung.

Dann war da noch die Sache mit dem „Sein“. Authentizität bedingt nach der eben genannten Definition, dass wir unser Sein mit dem Schein in Übereinstimmung bringen. Folglich müssen wir also unser „Sein“ kennen.

Das ist der Knackpunkt: Authentizität und Charisma können nur aus uns selbst kommen!

Wir müssen erst einmal herausfinden, wer wir wirklich sind. Dann erst können wir anfangen, über den Begriff „authentisch“ nachzudenken und wie wir uns den passenden „Schein“ zulegen.

Folgendes Beispiel: Wenn Sie mit Ihren Kindern spielen – sind Sie dann authentisch? Ja. Wenn Sie mit Ihren Kollegen reden? Ebenfalls. Wenn Sie vor einer Gruppe präsentieren? Vielleicht. Doch Achtung: Nicht jede Art von Authentizität passt auf jede Situation. Stellen Sie sich vor, Sie rennen bei einer Besprechung bellend um den Tisch, weil das beim Spiel mit den Kindern gepasst hat. Dann sind Sie authentisch – für die Situation mit den Kindern, aber nicht für diese. Wahrscheinlich wird man Sie dann bestenfalls für authentisch geistesgestört halten. Wenn Sie umgekehrt zu Hause mit Anzug und Krawatte eine flammende Rede halten über Umsatzsteigerung, wird man Sie im Familienkreis definitiv bescheuert finden.

Jeder von uns hat VIELE authentische Facetten. Die Kunst besteht darin, die richtige für den jeweiligen Augenblick zu wählen.

Wenn Ihnen also jemand sagt, „seien Sie einfach ganz Sie selbst“ – dann fragen Sie ihn bitte, was oder wen genau er meint. Und hören Sie nur weiter auf diesen Menschen, wenn er Ihnen differenziert antworten kann. Denn normalerweise ist „Seien Sie einfach Sie selbst“ ein Ratschlag, bei dem sich mir die Nackenhaare hochstellen. Klar sollen Sie sich nicht verstellen, wenn Sie Ihre Rede halten oder vor einer Gruppe präsentieren. Doch ohne etwas Anpassung an die Gegebenheiten geht es nicht.

Klingt natürlich paradiesisch, weil keine Arbeit. Frei nach dem Motto „Super, ich kann so bleiben, wie ich bin!“ Sie fühlen sich authentisch, wenn Sie morgens im Schlafanzug durchs Haus schluffen? Schön – doch Sie sollten so nicht ins Büro gehen. Dann sind Sie höchstens ein Verrückter, der im Schlafanzug vor seinen Kollegen steht.

Sie müssen sich darüber im Klaren sein, welches „Gesamtpaket“ Sie Ihren Zuhörern liefern wollen.

Was wollen Sie ihnen vermitteln, gibt es gute oder schlechte Nachrichten? Entsprechend dazu sollten Sie die passende Authentizität auswählen. Und das können Sie üben: Beobachten Sie sich eine Woche lang. Wie sind Sie, wenn Sie begeistert mit jemandem reden? Wie verhalten Sie sich dann? Wie verhalten Sie sich in anderen Situationen? Und wann haben Sie das Gefühl, wirklich „bei sich“ zu sein.

Und wenn Sie noch einen Schritt weitergehen wollen: Finden Sie heraus, wann Sie etwas darstellen und wann Sie sich verstellen. Denn das sind zwei Paar Schuhe. Gerade wenn Sie sich verstellen, werden Sie wahrscheinlich nicht als authentisch empfunden, da Ihr „Sein“ nicht zu den Konturen des „Scheins“ passt und sinnbildlich immer wieder dahinter hervor lugt.

Mein Tipp: Stellen Sie fest, wie Sie sind, wenn Sie ganz mit Ihrer Person im Einklang sprechen. Wählen Sie davon die beste und angemessenste Variante aus, wenn Sie für Ihre nächste Präsentation das Podium betreten. Dann haben Sie auf jeden Fall die entscheidende Grundlage für Ihr Charisma gelegt.

Immer wieder höre ich, dass sich charismatische Menschen dadurch auszeichnen, dass sie authentisch sind. Dem würde ich zustimmen. Gefährlich wird es allerdings, wenn Sie versuchen, diese Formel auch anders herum anzuwenden:

Georg Wawschinek: "Sie können noch so authentisch sein – wenn Sie Ihr Publikum mit vollgeschriebenen PowerPoint-Folien in den Schlaf lullen, hilft Ihnen das jedoch auch nicht mehr."
Georg Wawschinek: „Sie können noch so authentisch sein – wenn Sie Ihr Publikum mit vollgeschriebenen PowerPoint-Folien in den Schlaf lullen, hilft Ihnen das jedoch auch nicht mehr.“

Authentisch zu sein bedeutet noch lange nicht, dass Sie auch Charisma haben.

Ein Beispiel: Wenn Sie einen Langweiler auf eine Bühne stellen, steht ein Langweiler auf einer Bühne. Das ist dann zwar authentisch, aber nicht mitreißend und garantiert auch nicht charismatisch. Und genauso ist ein bärbeißiger Chef, der in seiner Rede genauso rumpoltert wie auf dem Büroflur, authentisch. Charisma? Leider Fehlanzeige. Es fällt auch nicht einfach vom Himmel. Doch jeder von uns kann es erlernen – vorausgesetzt, Sie sind bereit, Ihr Innerstes zu erforschen und hart an sich zu arbeiten. Entwickeln Sie ein Gespür dafür, welches Auftreten angemessen für den Moment ist und welche Performance Ihre Zuhörer erwarten.

Denn darin steckt das ganze Geheimnis: Charismatiker liefern im richtigen Augenblick das Richtige ab.

Entscheidend ist also vor allem Ihr Wissen um Ihre Wirkung, Ihre Eigenschaften und Stimmungen sowie die bewusste Entscheidung, wann Sie welche Facette Ihrer Persönlichkeit zum Ausdruck bringen. Unser Ich ist ein Chamäleon. Um authentisch zu wirken, müssen Sie lernen, sich der jeweiligen „Umgebung“ in Ihrem Auftreten und Verhalten anzupassen. Authentisch sind Sie genau dann, wenn Ihr Gegenüber eine Übereinstimmung zwischen innerem Vorgang und äußerer Darstellung wahrnimmt.

Neben einem stimmigen Auftreten ist auch Ihre Inszenierung entscheidend.

Sie können noch so authentisch sein – wenn Sie Ihr Publikum mit vollgeschriebenen PowerPoint-Folien in den Schlaf lullen, hilft Ihnen das jedoch auch nicht mehr. Reden und Präsentationen sind multimediale Erlebnisse; die Menschen wollen sehen, hören und vor allem ERLEBEN! Machen Sie sich das zu Nutze. Arbeiten Sie daher mit allen Sinnen, um Ihrer Botschaft und den Ergebnissen Ihrer Arbeit Leben einzuhauchen. Das Zaubermittel hat einen einfachen Namen: Storytelling. Erwecken Sie Ihre Inhalte zum Leben, in dem Sie auf Anekdoten, Zitate, Redewendungen oder auch Gegenstände zurückgreifen. Ihrer Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt. Wenn Sie richtig gut sind, können Sie damit einen sogenannten „magischen Moment“ erzielen: Den Augenblick Ihrer Rede, den niemand mehr vergisst.

Ein Meister dieser kleinen, aber unglaublich wirksamen Inszenierungen: Steve Jobs.

Ich erinnere mich noch immer an seine Präsentation des ersten iPhones, obwohl ich sie lediglich als Videoaufzeichnung gesehen habe. Zuerst rekapituliert er die Erfindung herausragender Produkte wie den ersten Macintosh und den ersten iPod. Dann folgt das Unglaubliche: „Heute stellen wir Ihnen drei revolutionäre Produkte vor.“

Jeweils getrennt von einer spannungsgeladenen Pause folgte dann die scheinbare Auflösung: Ein iPod mit großem Display und Touchscreen-Steuerung. Ein revolutionäres Mobiltelefon. Und ein bahnbrechendes Internet-Kommunikationsgerät. Drei neue Geräte? Dann erst lüftet Steve Jobs schmunzelnd das Rätsel: Nein, es sind keine separaten Geräte, sondern lediglich EINES.

An dieser Stelle gibt es beim Publikum kein Halten mehr, begeisterte Gesichter, unglaublicher Applaus brandet auf. Wahnsinn, das ist Storytelling wie es im Buche steht! Und wissen Sie, was das Besondere an so einem magischen Moment ist? Damit durchbrechen Sie jegliche Barriere zum Publikum, Ihre Botschaft landet direkt im Herz der Zuhörer. Und: Es kostet Sie keinen Cent, sondern lediglich etwas Kreativität, um eine solche Idee zu ersinnen.

Autor: Georg Wawschinek
Rhetorikmagazin, © Fotos: Christian Husar


georg_wawschinek_03Georg Wawschinek hat mehr als 2.500 Keynotes, Trainings und Workshops vor zehntausenden Teilnehmern weltweit gehalten. Er ist Kommunikationsprofi und Experte für charismatische Auftritte. Er begleitet das Top-Management internationaler Konzerne, Politiker und all jene, die ihr Charisma und ihre Wirkung verbessern wollen.

Sein erklärtes Ziel ist es, so viele Menschen wie möglich dazu zu motivieren, ihre Stimme zu erheben, ihr Charisma aus der Begeisterung strahlen zu lassen und dadurch erfolgreicher zu werden.

2015 war Georg Wawschinek Jahrgangsbester des Studiengangs „Professional Speaker GSA (SHB)“ und wurde in diesem Rahmen für die beste Keynote geehrt.


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Dieser Beitrag wurde exklusiv für das Rhetorikmagazin verfasst - das rhetorische Fachmagazin mit Analysen, Hintergrundinformationen und Expertentipps für Ihre Reden, Vorträge und Präsentationen. Die Autoren und Interviewpartner des Rhetorikmagazins sind renommierte Spezialisten für Rhetorik, Sprache, Kommunikation, Führung und zahlreiche an die Rhetorik angrenzende Bereiche. Sie haben Fragen oder Anregungen? Kontaktieren Sie gerne die Redaktion. Wir freuen uns über Ihre Nachricht. Sie finden das Rhetorikmagazin auch auf Twitter, Youtube und Google+.