Freie Rede und Flipchart contra Powerpoint: Was beim Publikum mehr überzeugt und wie Sie besser wirken

Der direkte Test auf der Bühne gibt Aufschluss über die unterschiedliche Wirkung von Präsentationen mit und ohne Powerpoint. Ein Interview mit dem Rhetorikcoach Matthias Pöhm. –

Sie sind als Powerpointkritiker bekannt. Warum?

Bei Reden und Vorträgen will ich immer das beste Ergebnis haben. Wenn Sie Powerpoint direkt mit einer Alternative vergleichen – also zum Beispiel frei sprechen ohne weitere Unterstützung oder frei sprechen plus Flipchart –, dann findet das Publikum die Powerpointversion in nur fünf Prozent der Fälle besser.

Was ist es, das Powerpoint schlechter ankommen lässt?

Die Zuhörer lesen, was der Redner sagt, und dann hören sie es noch einmal. Das ist betreutes Lesen. Das langweilt und vermindert die Aufmerksamkeit.

Und wenn Powerpoint zur reinen Visualisierung verwendet wird, ohne Bulletpoints und Text?

Selbst bei Grafiken und Diagrammen ist Powerpoint weniger wirkungsvoll als das Flipchart, das stelle ich immer wieder fest. Ein Beispiel: In einem Seminar sollte ein Teilnehmer vor Publikum ein Diagramm mit den Umsätzen eines Unternehmens in den letzten drei Jahren vorstellen. Hierfür hatte ich ihn gecoacht. Anschließend sollte er denselben Redeinhalt mit Hilfe eines Flipcharts vorstellen. Danach wurde das Publikum befragt. Wie eben gesagt – die freie Rede oder die Rede mit Flipchart spricht weit mehr Menschen an als die Powerpointvariante. Diesen Test mache ich immer wieder. Nach meiner Erfahrung kommt die freie Rede mit oder ohne Flipchart in 95 Prozent der Fälle besser an.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Wenn Sie etwas präsentieren, liegt die Wirkung nicht im Ergebnis, sondern im Weg zum Ergebnis. Es ist der Akt des Erschaffens durch einen Menschen aus Fleisch und Blut, der die Zuschauer bannt, nicht das fertige Bild. Es hilft also nicht, die Flipcharts vorzubereiten und nacheinander umzublättern – das wäre wie vorbereitete Powerpointfolien.

Warum Powerpoint verwenden, wenn es die Wirkung des Vortrags mindert? Rhetorikexperte Matthias Pöhm sieht die freie Rede - mit oder ohne Flipchart - eindeutig im Vorteil.
Warum Powerpoint verwenden, wenn es die Wirkung des Vortrags mindert? Rhetorikexperte Matthias Pöhm sieht die freie Rede – mit oder ohne Flipchart – eindeutig im Vorteil.

Wenn Sie die Dinge entwickeln, ist das Publikum regelmäßig aufmerksamer, der Vortrag ist spannender, und die Menschen können es sich besser merken.

Gibt es nicht auch eine Möglichkeit, einen Vortrag durch Powerpoint in seiner Wirkung zu verstärken?

Selten – ja. Ich bin nicht dogmatisch. Ich habe ein Prinzip: Ich will nicht Recht haben, ich will das beste Ergebnis. Bei meinen Rhetorikcoaching-Kunden testen wir Powerpoint immer gegen die Alternative aus. Bei manchen Videos oder Fotos ohne Text und ohne Überschrift, ohne Logo, flächendeckend, ist die Powerpointvariante besser. Dann bleibt Powerpoint.

Wie ist es mit komplexeren Diagrammen? Würden diese mit Powerpoint nicht besser funktionieren?

Nehmen Sie zum Beispiel ein Ablaufdiagramm, das aus acht Vierecken besteht, die mit verschiedenen Pfeilen verbunden sind. Am Flipchart würde ich mit einem Viereck beginnen und beispielsweise sagen: „Sehen Sie, das ist ein Mikroprozessor. Er ist die zentrale Einheit.“ Dann zeichne ich einen Pfeil und sage: „Dieser Mikroprozessor sendet Daten …“ ich male wieder ein Viereck „… an ein Display. Sobald dieses Display die Daten empfangen hat …“ ich male eine Pfeil zurück zum Mikroprozessor „… sendet es ein Okay an den Mikroprozessor, dass keine Daten mehr gesendet werden müssen.“ Und so weiter.

Merken Sie es? Wenn Sie das als komplettes Diagramm auf einer Powerpointfolie zeigen würden, würden Sie Ihr Publikum erschlagen. Solche Folien erzeugen erst mal Unlust, denn sie sehen kompliziert aus.

Wenn Sie das Diagramm hingegen Stück für Stück entwickeln und dabei sprechen, sind die Zuhörer wesentlich intensiver bei der Sache und verstehen auch viel mehr.

Und wenn Sie das Diagramm vor Publikum Stück für Stück mit Powerpoint entwickeln?

Das habe ich auch getestet. Dabei ist herausgekommen: Ein echter Mensch, der das Ganze selbst entwickelt, hat mehr Durchschlagskraft, als wenn ein totes Programm das tut.

Nur wenn ein Mensch sich selbst bewegt, dann bewegt er auch die Menschen im Publikum. Bei Powerpoint bewegt der Redner nur den Daumen auf der Fernbedienung. Außerdem steht der Redner links oder rechts daneben und nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Benutzen Sie Powerpoint selbst überhaupt nicht?

[Lacht] Nur um den Effekt von Powerpoint zu demonstrieren. Und ich bekomme jedes Mal ein großes Schmunzeln von den Leuten. Sie glauben es zuerst nicht, aber wenn sie den direkten Vergleich sehen, wird es für jeden offensichtlich.

Rhetorikcoach Matthias Pöhm will es genau wissen und testet in seinen Seminaren Powerpoint gegen Alternativen.
Rhetorikcoach Matthias Pöhm will es genau wissen und testet in seinen Seminaren Powerpoint gegen Alternativen.

Das Problem ist: Normalerweise macht niemand den direkten Vergleich. Viele sagen – ohne es je überprüft zu haben –, die Schwäche liegt ja nicht am Instrument Powerpoint, es liegt am Anwender. Das ist ein weit verbreiteter Glaubenssatz. Das klingt zwar gut, aber ich probiere es immer wieder aus und stelle fest, dass dieser Glaubenssatz nicht stimmt.

Sie plädieren also ganz für den Verzicht auf Powerpoint? Oder geben Sie Ihren Kunden nicht doch Tipps, wie sie Powerpoint besser einsetzen können?

Früher habe ich Kunden noch empfohlen, wie sie ihre Folien besser machen können. Sie kennen die üblichen Tipps: nicht zu viel Text auf die Folien, maximal drei bis fünf Zeilen und so weiter. Inzwischen mache ich das nicht mehr. Heute empfehle ich, die Alternativen wirklich zu testen. Nur wenn sich beim Vergleich herausstellt, dass ein entschlacktes Powerpoint die bessere Wirkung erzielt, dann empfehle ich Powerpoint. Das geschieht aber nur in rund fünf Prozent der Fälle.

Nehmen Sie zum Beispiel die Hauptversammlungen von DAX-Unternehmen. Hier ist es üblich, dass neben der Rede des Vorstandsvorsitzenden eine Powerpointfolie nach der anderen gezeigt wird – teilweise mit sehr viel Text. Ihre Ansicht bezüglich Powerpoint ist also noch nicht bei den großen Unternehmen angekommen?

Das wird sich auch kaum ändern, denn es ist üblich und wird allgemein akzeptiert. Selbst ich als Rhetorikcoach muss eingestehen, dass man nicht zwingend ein guter Rhetoriker sein muss, um geschäftlichen Erfolg zu haben. Es gibt mittelschlechte bis schlechte Redner, die trotzdem sehr gut in ihrem Geschäft sind. Zwischen der Qualität als Redner und dem Geschäftserfolg besteht nicht immer ein Zusammenhang. Aber wenn jemand ein guter DAX-Vorstand und gleichzeitig ein guter Redner ist, dann wird er zur Rakete.

Bei vielen geschäftlichen Anlässen haben Sie ein sehr großes Publikum. Kann Flipchart hier überhaupt funktionieren?

Wenn der Raum entsprechend geschnitten ist, funktioniert Flipchart bis 200 Personen. Haben Sie beispielsweise einen Raum mit sieben Stuhlreihen je 15 Plätze, dann können Sie ein Flipchart gut verwenden. Wenn der Raum eher schlauchförmig lang ist oder wenn es mehr als 200 Personen sind, empfehle ich zusätzlich eine Kamera und Leinwand. In dem Zusammenhang: Es ist wie bei Powerpoint – je weniger auf einer Folie beziehungsweise einem Flipchart ist, desto besser. Flipcharts sollten generell nicht zu viele Details enthalten, sie müssen Ruhe ausstrahlen.

Sie stehen selbst als Redner auf der Bühne und haben renommierte Rednerkollegen. Sehr viele dieser professionellen Redner verwenden Powerpoint. Wie reagieren Ihre Kollegen auf Ihre Powerpointkritik?

Es kommt immer drauf an, ob jemand vor mir oder nach mir redet. Wenn ich auf der Bühne Powerpoint gegenüber der Alternative demonstriere, ist der Effekt so offensichtlich, dass man darüber fast nicht mehr unterschiedlicher Meinung sein kann. Wenn die Kollegen vor mir reden und nach meiner Rede noch anwesend sind, dann sehe ich meistens ein gequältes Lächeln. Wenn sie nach mir reden, wird meistens ein Witzchen gemacht, nach dem Motto „Ja, ich benutze Keynote von Apple“, oder sie flechten sonst etwas zur Entschuldigung ein. Aber es ist keinem einen Vorwurf zu machen, denn wie alle anderen wussten sie es nicht besser.

© Rhetorikmagazin Christian Bargenda, © Fotos: Matthias Pöhm


Rhetoriktrainer Matthias PöhmRhetorikcoach Matthias Pöhm coacht Spitzenleute aus Politik und Wirtschaft für deren öffentliche Auftritte und veranstaltet das „teuerste Rhetorikseminars Europas“ (F.A.Z.), in dem die Teilnehmer vor 120 Menschen als bestelltem Publikum reden müssen.

Viel Medienecho löste Matthias Pöhm aus, als er die weltweit arbeitende „Anti-PowerPoint-Partei“ gründete.


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