Unterhaltsame Reden in Wirtschaft und Politik: Ja, aber bitte mit Substanz

Ein Exklusiv-Interview mit dem renommierten Vortragsredner, Sachbuchautor und Dozenten Andreas Bornhäußer. –

Herr Bornhäußer, Sie sagen, dass eine Präsentation auch einen Unterhaltungswert haben sollte und sprechen von „Präsentainment“. Was ist der Unterschied zur klassischen Präsentation?

In einer Präsentation haben wir es meist mit einer Aneinanderreihung von sachlichen Informationen zu tun. Das primäre Ziel ist es, dem Publikum einen bestimmten Inhalt zu vermitteln. Beim Präsentainment ist es auf der inhaltlichen Ebene zunächst genau dasselbe – jedoch enthält der Vortrag viele unterhaltende Elemente, die über die reine Vermittlung von sachlichen Informationen hinausgehen. Meine Devise für gelungene Präsentationen lautet: „Erst das Kribbeln im Bauch sorgt für das Kino im Kopf!“

Sollte bei einer Präsentation nicht der Informationswert im Vordergrund stehen?

Das kommt sehr stark auf die Zielgruppe an. Wenn ich in meinem Auditorium Teilnehmer habe, die mehr an sachlichen Informationen, klaren Strukturen und an sauber mitgeteilten Zielen interessiert sind, tue ich mir einen größeren Gefallen, wenn ich dieser Erwartungshaltung entspreche und mich auf die Vorlieben meiner Ohrenzeugen einstelle. Wenn ich Zuhörer habe, die eher an emotionalen Elementen und an Unterhaltung interessiert sind, sollte ich auch der Erwartungshaltung dieser Zielgruppe entsprechen.

Da ich aber in der Regel vorher nicht weiß, mit welchen Menschen ich es zu tun habe, ist es sinnvoll, die unterschiedlichen Erwartungshaltungen gleichermaßen zu bedienen.

Was sind die wichtigsten Schlüsselfaktoren für unterhaltsame Präsentationen?

Eine Präsentation benötigt eine Kernaussage, sie muss einen Nettonutzen für das Publikum haben, und sie sollte ein Schlüsselmotiv, ein wiederkehrendes Bild enthalten – das ist die metaphorische Dimension, aus der der Redner seine Geschichten ableiten kann, und die es ihm erlaubt, sich aus dem dazugehörigen Wortfeld über die ganze Präsentation hinweg zu bedienen. Ich nenne das Zusammenspiel dieser Faktoren das „KeyMotion“-Prinzip, wörtlich übersetzt: der Schlüssel, der Menschen bewegt und berührt.

Das kann in der Praxis so aussehen: Wenn ich als KeyMotion beispielsweise „den Ton angeben“ wähle und mich in der metaphorischen Dimension der Musik bewegen will, kann ich von einem „stimmigen“ Konzept sprechen, davon dass der Kunde „die erste Geige spielt“, dass ein offen gestaltetes Angebot „die Frequenz erhöhen“ wird und so weiter. Ich bleibe in diesem Beispiel während der gesamten Präsentation mit meinem Vokabular durchgängig in der Welt der Musik.

Was tun, wenn ein Mitarbeiter ein absolut trockenes Thema präsentieren muss: Wie kann er sein Publikum trotzdem unterhalten und für sich gewinnen?

Ich habe schon Präsentationen mit Buchhaltern entwickelt, die ihren Geschäftsführern die aktuellen Zahlen präsentieren durften. Ich bin bis heute noch keinem Thema begegnet, für das ich nicht eine tragfähige KeyMotion entwickeln konnte. Eine Präsentation kann immer unterhaltend sein, unabhängig vom Thema. Wichtig ist nur, dass sich der Vortragende an den Erwartungen seiner Zielgruppe orientiert und die ihr angemessene Intensität an Unterhaltung in seine Präsentation einbringt.

Woran erkennen Sie, ob Unterhaltung angebracht ist? Wann ist sie Tabu?

Es gilt, die Zuhörer vorher zu analysieren. Im Publikum haben wir es immer mit Gefühls-, Körper-, Kopf- und Sprachmenschen zu tun. In ihrer Reinform kommen diese Ausprägungen sehr selten vor, die meisten Menschen weisen eine Mischung aus zwei oder mehr Bereichen auf. Detailliert beschreibe ich das in der S.C.I.L.-Performance-Strategie, mit der ein Publikum analysiert werden kann. Diese Strategie unterscheidet vier verschiedene Frequenzbereiche Sensus, Corpus, Intellectus und Lingua und teilt diese wiederum in jeweils vier Frequenzen ein.

Es gibt den Bereich Sensus mit den Frequenzen Prozessorientierung, Emotionalität, innere Präsenz und Überzeugung. Dann gibt es den Frequenzbereich Corpus, also die nonverbale Kommunikation, mit Erscheinungsbild, Mimik, Gestik und räumlicher Präsenz. Zum Dritten gibt es den Intellectus, der Frequenzbereich mit den Facetten Sachlichkeit, Zielorientierung, Strukturiertheit und Analytik. Und der vierte Frequenzbereich, Lingua, hat die vier Frequenzen Stimme, Artikulation, Bildhaftigkeit und Beredsamkeit.

Wenn ich mir nun ein Publikum vorstelle, von dem ich weiß, wie die Teilnehmer ticken – etwa weil ich sie kenne oder im Vorfeld der Präsentation schon kennengelernt habe – kann ich mir dieses Wissen zu Nutze machen. Weiß ich etwa, dass der Intellectus-Anteil extrem hoch ist, kann und sollte ich darauf reagieren, damit meine Präsentation erfolgreich verläuft. Ich kann in diesem Fall davon ausgehen, dass in meinem Publikum vornehmlich Leute sitzen, die an Zahlen, Daten und Fakten interessiert sind, denen eine klare Präsentationsstruktur wichtig ist, und die jede Menge sachliche Informationen wollen. Wenn ich weiß, dass ich es mit einer solchen Zielgruppe zu tun habe, ist Unterhaltung in einer Präsentation tatsächlich fehl am Platz und deshalb verboten.

Wie sieht es in der Politik aus – wäre Präsentainment ein sinnvolles Mittel im Wahlkampf? Wie könnte das aussehen?

Präsentainment ist grundsätzlich ein sinnvolles Mittel im Wahlkampf. Allerdings muss ich, mit Blick auf die aktuelle „politische Kaste“ sagen, dass sie gut daran täte, wenn sie sich stärker auf Inhalte fokussieren würde und ihren Wählern auch unliebsame Nachrichten klar und deutlich mitteilen würde.

Aus meiner Sicht kümmern sich die Politiker viel zu sehr darum, schlechte Nachrichten irgendwie zu verpacken oder zu verheimlichen. Das führt dazu, dass der Wähler keine klaren Informationen bekommt. Daher wäre es bei den momentan tätigen Politikern sicher sinnvoller, nützlicher und vor allem hilfreicher, wenn sie den sinnentleerten Aussagen, die sie permanent vor Kameras zum Besten geben, wieder etwas mehr Sinn geben würden – denn sonst hilft auch Präsentainment nicht.

© Rhetorikmagazin, Christian Bargenda, © Fotos: Andreas Bornhäußer


„Menschen gewinnen“ steht im Mittelpunkt der Arbeit des Performance-Coachs Andreas Bornhäußer. Seit über 30 Jahren begleitet er Menschen aus Wirtschaft, Politik und Kultur in den Themenfeldern persönliche Wirkung, Ausstrahlung und Überzeugungskraft. Neben seiner Tätigkeit als Performance-Coach und Sachbuchautor ist er Moderator bei Preisverleihungen, Galaveranstaltungen, Kongressen und Symposien.

Andreas Bornhäußer ist der Erfinder der S.C.I.L.-Performance-Strategie. Mit deren Hilfe können sich Menschen mit ihrer eigenen Wirkung vertraut machen und lernen, die Kommunikationsbedürfnisse anderer schnell und treffsicher einzuschätzen.


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