Die freie Rede lebt: Wissen und wissen lassen bei der 1. Münchner Rednernacht

Ein Kommentar. –
Wo findet heutzutage ein gutes Samstagabendprogramm statt? Nicht im Fernsehen, denn hier geht es mehr um Unterhaltung als um Inhalte – das meint Dr. Stefan Frädrich, selbst unter anderem aus dem Fernsehen bekannt und jetzt Veranstalter der Rednernacht.

Er setzt der seichten TV-Unterhaltung ein Programm mit zwölf Experten entgegen, die in je 15 Minuten ihre Gedanken zu ihrem Spezialthema vermitteln. Bei der 1. Münchner Rednernacht am 6. Juli 2013 ist das Münchner Oberangertheater ausverkauft.

Die freie Rede ist einer der Klassiker in Sachen Informationsvermittlung und Überzeugungsarbeit. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Rhetorik in Deutschland jedoch von vielen skeptisch betrachtet, von manchen gar mit Demagogie gleichgesetzt und kaum noch gelehrt, während zugleich in den USA schon kleine Kinder in die Kunst der freien Rede eingeweiht wurden. Obwohl Rhetorik wieder aktuell ist, gibt es hierzulande einiges nachzuholen. Daher ein großes Lob für Dr. Frädrich, dass er für seine Veranstaltung das Format der freien Rede wählt.

Einiges von dem, was auf der Bühne der 1. Münchner Rednernacht stattfindet, geht jedoch über die klassische Rede hinaus. Manches schwenkt ins Kabarettistische und in die Show – die Grenzen verschwimmen, und die Auftritte sind höchst unterschiedlich. Der kleinste gemeinsame Nenner: Alle Experten bieten einen sehr hohen Informationswert und sprechen frei vor ihrem Publikum.

Otmar Kastner zieht sich um: Er zeigt auch physisch, worum es in seinem Vortrag geht. So kann Kastner sicher sein, dass er die volle Aufmerksamkeit hat und das Publikum sich erinnert. Redner dürfen sich – je nach Anlass – auch Ungewöhnliches trauen.

Gaby S. Graupner, die amtierende Präsidentin der German Speakers Association (GSA), greift vielleicht am stärksten zu den Mitteln der klassischen Rhetorik. Ihr Thema ist Zivilcourage. Sie erzählt, wie sie Ende der 1980er Jahre zur Fluchthelferin für eine Familie aus der DDR wird und verwendet dabei Stilmittel wie Parallelismen, Anaphern, Kunstpausen, sogenannte Bodenanker aus dem NLP für die ineinander verwobenen Erzählstränge, eine klare Gliederung der Rede mit sanften Übergängen und einen deutlichen Schlussappell. Im Saal könnte man eine Stecknadel fallen hören. Bravo!

Dr. Hein Hansen (alias Michael Ehlers). Der Redner erklärt kognitive Dissonanz aus Sicht eines Hamburger Fischverkäufers.

„Bank, Du hast das Geld gestohlen, gib es wieder her …“. Wirtschaftskabarettist Otmar Kastner hat eine Rhetorik, der Erinnerungen weckt: Einerseits an den legendären Kottan, vielleicht wegen seines Wiener Schmäh, gepaart mit bissigem Humor. Andererseits an Georg Ringsgwandl, vielleicht wegen seines Feinsinns für den gnadenlosen Irrwitz, der in der Wirtschaft herrscht. Wobei Kastner beiden weder ähnlich sieht, noch sie imitiert. Er ist der Redner, der an diesem Abend – im wörtlichen Sinne – die Hosen herunterlässt.

Thilo Baum, Rhetorikexperte, erzählt von der Logik der Sprache. Über „Gendern“ (sprich: Tschändern), für den Zuhörer klingt es fast wie „Schänden“ – es geht um die Einseitigkeit bei der grammatikalischen Geschlechtsumwandlung: Warum wird bei eher positiv belegten Berufsgruppen die weibliche Endung „-innen“ (Journalistinnen, Lehrerinnen, Erzieherinnen, …) angehängt und nicht auch bei Ladendiebinnen und sonstigen Täterinnen? Thilo Baum gibt auch Tipps für Überschriften, die neugierig machen können. Unter anderem entscheidend: Sie müssen für den Empfänger von Bedeutung sein – eine Mahnung an alle, die nichtssagende E-Mail-Betreffzeilen wie „Juli-Newsletter“ wählen.

Elmar Rassi bringt mindestens zwei Dinge mit, die essenziell für Redner sind: Er wählt einfache Worte für ein komplexes Thema, so dass das ganze Publikum folgen kann. Und er strahlt eine starke Aufrichtigkeit aus, die ihn sehr glaubwürdig macht.

Bemerkenswert in verschiedener Hinsicht ist der Auftritt der Kommunikationsdesign-Studenten Gina Schöler und Daniel Clarens. Sie berichten über ihr sehr erfolgreiches und bis in den Bundestag bekanntes Projekt, das „Ministerium für Glück und Wohlbefinden“. So spannend das Thema ist, so irritierend ist die Sprache, die die beiden wählen. Grammatikalisch sind Schöler und Clarens auffällig gewandt. Erstaunlich für Studenten eines Kommunikationsfachs ist das ausgeprägte Denglisch, denn dieses führt nicht selten zu Nicht- oder Falschverstehen und wirkt für viele aufgeblasen – Kabarettist Otmar Kastner hatte letzteres zuvor demonstriert. Von Merchandising bis Face-to-face und von Glücks-Package über Crowdfunding bis Fundingziel ist im Vortrag der zwei alles dabei. Bei einigen Begriffen sind Zuhörer sichtlich ausgestiegen, sehr schade für die beiden Redner. Tipp: Sprechen Sie durchgängig in der Sprache Ihres Publikums, denn damit fühlt es sich auch emotional stärker angesprochen – Studien belegen das.

Margit Hertlein: Geniale Mimik und Körpersprache. Diese Rede regt an, sich selbst aus dem Jammersumpf herauszuholen, sich nicht so ernst zu nehmen, sich selbst etwas Gutes zu tun.

Weitere Redner sind der Gedankenleser und Bestsellerautor Thorsten Havener, Dr. Hein Hansen alias Rhetorikprofi Michael Ehlers, Elmar Rassi, Margit Hertlein, Naturarzt Christian Jäger, Patric Heizmann und der Veranstalter Dr. Stefan Frädrich selbst. Die Themen reichen von Nichtrauchen bis Soziale Medien und von Erfolg bis Ernährung.

Welches Publikum findet sich bei der 1. Münchner Rednernacht? Die meisten Besucher sind zwischen 30 und 60 Jahre alt, berufstätig und dem äußeren Anschein nach bessergestellt. Bei Nachfrage stellt sich heraus, dass sie sehr heterogene Interessen haben. Einige Absolventen des Redner-Lehrgangs der GSA-University sind auch im Publikum, vielleicht um zu sehen, wie es die Profis machen. Bei solch unterschiedlichen Zuhörern – das gilt für Reden allgemein – ist es wichtig, neben aller Informationsdichte einen gewissen Unterhaltungsfaktor einzubauen. Bei der 1. Münchner Rednernacht hat es funktioniert. Weiter so, wir brauchen mehr qualitativ hochwertige Redeveranstaltungen!

Moderatorin des Abends: Dr. Monika Hein, Sprechtrainerin und Sprecherin (links). Veranstalter der 1. Münchner Rednernacht: Dr. Stefan Frädrich (Vordergrund, Mitte)

Rhetorikmagazin
© Christian Bargenda, rhetorikmagazin.de


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Christian Bargenda
Über Christian Bargenda 66 Artikel
Dies ist ein Beitrag von Christian Bargenda, Chefredakteur des Rhetorikmagazins. Christian Bargenda ist Experte für Führungsrhetorik und arbeitet als Rhetorikberater und Redenschreiber. Er berät Führungskräfte der obersten Ebene, die ihre Wirkung und Überzeugungskraft als Redner optimieren und Menschen für ihre Ziele gewinnen wollen. Zu seinen Kunden zählen deutsche und internationale Unternehmen, darunter DAX30- und Dow-Jones-Global-Titans-50-Konzerne, sowie bekannte Persönlichkeiten. Sie finden Christian Bargenda auch auf Twitter, auf Google+ und auf seinen eigenen Internetseiten.