Reden halten vor internationalem Publikum: Sprache ist wichtig, aber längst nicht alles

Was sollte ein Redner beachten, wenn er vor internationalem Publikum auftritt?

Marinda Seisenberger ist Diversity-Expertin und sagt im Interview, was sie Menschen rät, damit sie vor Zuhörern aus verschiedenen Ländern gut ankommen. –

Frau Seisenberer, Sie kennen sich unter anderem mit interkultureller und sprachlicher Vielfalt aus und beraten deutschsprachige Redner, wenn sie ihre Reden ins Englische transformieren. Aktuell beraten Sie einen österreichischen Experten. Sie bereiten ihn jetzt auf die USA vor?

International bedeutet nicht automatisch USA oder ein anderes englischsprachiges Land, sondern eher ein tatsächlich internationales Publikum. Im konkreten Beispiel geht es um einen Redner, der in verschiedenen europäischen Ländern auftreten will, auch im deutschsprachigen Raum auf internationalen Meetings. Oft werden deutschsprachige Experten von Unternehmen gebucht, um auf Englisch vorzutragen – das Publikum ist dabei gemischt und kommt aus verschiedenen Ländern. Diese Auftritte können z. B. auch in Ungarn oder in anderen Ländern im Osten Europas stattfinden, wo die Geschäftssprache vieler Unternehmen Englisch ist.

Wie bereiten Sie diesen Redner konkret darauf vor?

Es handelt sich in dem Beispiel um einen Körpersprachespezialisten, der ein Standardprogramm hat. Das habe ich mir zunächst einige Male angehört. Besonders haben mich dabei seine Redewendungen und seine Anekdoten interessiert. Und sehr wichtig waren Namen und Bezüge zu bestimmten Personen. Ebenso maßgebend sind die Stellen, an denen das Publikum gelacht hat. Denn hier funktioniert reines Übersetzen ganz bestimmt nicht. Scherze sind ja nicht nur gesprochene Worte, sie sind eng mit der generellen Kultur eines Landes, dem speziellen Sinn für Humor verbunden. Es geht darum, gut zu verstehen, wie die Menschen ticken.

Außerdem habe ich den Redner genau beobachtet. Bei vielem, was er sagt, spielt seine Persönlichkeit eine große Rolle. Die Schwierigkeit beim Transformieren seines Programms ins Englische war: Wie behält er seine Persönlichkeit, seine Eigenart, in einer anderen Sprache? Denn genau das ist es, was die Menschen außer seinem Fachwissen an ihm mögen und warum er gebucht wird.

Danach habe ich ihn seinen Vortrag eins zu eins auf Englisch erzählen lassen. Hier wurde genau sichtbar, was in der anderen Sprache gar nicht funktioniert. An den betreffenden Stellen haben wir geklärt, was er wirklich sagen will, und ich habe ihm die entsprechenden Anregungen gegeben und Lösungsvorschläge gemacht, die sowohl den ursprünglichen Inhalt berücksichtigen, als auch im Englischen inhaltlich funktionieren.

Beim nächsten Üben habe ich ihn dann auf Video aufgezeichnet. Er sollte sich selbst auf Englisch sehen und hören. Denn er muss sich vor allem selbst auf Englisch mögen, damit er gut und authentisch sein kann. Die einzelnen Teile haben wir dann immer wieder geübt, bis er sich absolut sicher gefühlt hat.

Müssen Redner vor internationalem Publikum unbedingt perfekt Englisch sprechen können?

Es kommt darauf an. Es gibt Reden, bei denen korrektes Englisch ein absolutes Muss ist. Grammatik und völlige Korrektheit waren in dem Fall aber nicht so wichtig. Denn der Redner hat auch bei seinen Vorträgen auf Deutsch so viele sprachliche Färbungen und verwendet teilweise sogar Dialekt. Diese Eigentümlichkeit soll auch im Englischen zum Ausdruck kommen. Daher muss er die Sprache zwar beherrschen, er genießt aber als Nicht-Muttersprachler einen gewissen Bonus an „poetischer Freiheit“. Das Publikum – egal welcher Nationalität – wird immer akzeptieren, was ein Sprecher aussagt, wenn es mit der richtigen Persönlichkeit und Sicherheit geschieht. Akribische Vorbereitung, gerade bei dieser Art von Auftritten, ist sehr wichtig für den stimmigen, überzeugenden Gesamtauftritt.

Muss Ihr Kunde in diesem Fall aufgrund seiner Persönlichkeit nicht so perfekt sein oder wegen seines Themas?

Eindeutig wegen seiner Persönlichkeit und der Art und Weise, wie er vorträgt. Daher mussten wir ein klein wenig freche Elemente einbauen und auch etwas Slang – was die nächste Herausforderung war. Denn das Publikum ist ja oft gemischt. Es gibt bei internationalen Auftritten meist viele Zuhörer, deren Muttersprache nicht Englisch ist. Um das zu lösen, haben wir statt des Slangs manchmal einfachere Begriffe gewählt, die nicht nur Muttersprachler kennen.

Wie sieht es mit Betonungen aus?

Das ist ein wichtiges Thema, denn Betonungen sind im Englischen oft ganz anders als im Deutschen und noch einmal anders im Dialekt des Redners. Im Englischen gibt es z. B. wesentlich mehr Singsang. Der Redner hatte auch einige rhetorische Fragen, die im Englischen aber so ankamen, als wollte er konkrete Antworten haben. Der Tonfall bei rhetorischen Fragen ist im Englischen sehr speziell. Das sind die kleinen Fallstricke, die unbedingt zu vermeiden sind, wenn eine Rede in eine Fremdsprache transformiert wird.

Wie wichtig ist für Sie als Diversity-Expertin bzw. für das ausländische Publikum das Thema Geschlechter?

Diese Frage mussten wir uns auch stellen. Was macht er mit „er“ und „sie“? Muss er beispielsweise sagen: „A baby looks at his or her mother?“, oder geht auch „A baby looks at its mother?“ – das ist zwar nicht ganz korrekt, denn ein Baby ist immer ein Er oder eine Sie. Aber im Zusammenhang der Rede war es sinnvoller, nur ein Wort zu verwenden – es wäre sonst zu lang oder zu kompliziert geworden. Und niemand in dem Publikum hätte sich daran gestört. Der Redner fragte mich auch, ob es nicht beleidigend sei, das Geschlecht nicht zu differenzieren. Meine eindeutige Antwort lautete in diesem Fall: Nein!

Was ist das Schlimmste, was einem deutschsprachigen Redner vor einem gemischt-muttersprachlichen Publikum passieren kann?

Am meisten sollte man bei Anekdoten und Witzen aufpassen, damit sich hier niemand beleidigt fühlt – gerade bei Geschichten über bestimmte Länder oder Ethnien. Auch Behauptungen wie „everybody knows“ funktionieren in einem so gemischten Publikum noch seltener. Verallgemeinerungen generell sind hier viel kritischer als sie es ohnehin sind.

Auch Beispiele, die länderspezifisch sind, funktionieren nicht gut. Wenn der Redner in Deutschland ein Thema anhand der Bundesliga und bestimmter Namen erklärt, sollte er in den USA eher Baseball und die dortigen Spieler wählen, damit er verstanden wird. Dazu ist das entsprechende Fachwissen erforderlich, damit auch alles richtig ankommt. Es ist ein sehr aufwendiger Prozess, den ein Redner ohne entsprechende Expertenhilfe kaum realisieren kann. Übersetzer reichen meist nicht aus, da ihnen oft die subtilen Eigenheiten eines Landes nicht vertraut sind.

Gibt es beim Thema Körpersprache etwas, das vor gemischtem Publikum beachtet werden sollte?

Ja, eindeutig. Hier gibt es viele Fettnäpfchen. Nur ein kleines Beispiel: Das Zählen mit den Fingern. Wenn ich z. B. den Daumen und den Zeigefinger hochhalte, und sage „es gibt zwei Hauptpunkte“, heißen die beiden Finger für einen Chinesen nicht zwei, sondern acht. Und zwei andere Finger können wieder etwas ganz anderes bedeuten. Hier sind wirklich auch Kleinigkeiten von Bedeutung.

Oder in manchen Ländern ist es nicht unüblich, dass ein Redner die Hand in die Hosentasche steckt. In anderen Ländern, auch in Deutschland, wird es eher als unhöflich angesehen. Internationale Redner müssen diese Dinge wissen, um nicht unbewusst Fehler zu machen und dadurch schlechter anzukommen.

Sind nur das gesprochene Wort und die Körpersprache von großer Bedeutung, wenn Redner sich auf internationales Publikum vorbereiten, oder gibt es noch weitere Dinge?

In einer Rede hat eindeutig das gesprochene Wort den höchsten Rang. Dennoch muss die gesamte Kommunikation stimmig und passend sein – alle Korrespondenz im Vorfeld, damit es überhaupt zu dem Auftritt kommt, Briefe, Mails, Verträge, das gesamte Marketing, müssen entsprechend angepasst sein. Dazu gehört vorrangig auch ein perfekter englischer Internetauftritt.

Im Beispiel Ihres Kunden: Wenn er alles beachtet und seine Reden immer öfter auf Englisch hält: Wird er dann mit der Zeit auch sein Image verändern? Wird er anders wahrgenommen werden?

Nein, er wird immer er selbst bleiben. Es ist eher so, dass er von deutschem Publikum noch mehr respektiert wird, denn viele wissen, wieviel Arbeit für ihn dahinter steckt.

Einmal habe ich einen deutschen Redner gesehen, der auf Englisch so viel falsch gemacht hat. Aber es war völlig egal, denn er ist ein Power-Typ. Die meisten englischen Muttersprachler waren mit offenem Mund dagesessen, weil sie so sehr von seiner Energie begeistert waren. Sie hatten gar nicht die Zeit, um auf sprachliche Fehler zu achten. Aber auch in diesem Fall stand nicht die Sprache im Vordergrund, sondern seine Persönlichkeit. Hier kommt das Thema Diversity ins Spiel – sei, was Du bist. Es bringt nichts, zu versuchen, ein Muttersprachler zu sein. Wichtig ist es, auf potenzielle Beleidigungen zu achten und auf Dinge, die nicht überall verstanden werden. Obwohl ich dafür bin, dass jeder sich optimal vorbereiten lässt.

Das heißt, Formales sollte der Redner berücksichtigen, die Individualität darf bleiben?

Die Individualität muss bleiben.

Woher haben Sie Ihr Wissen über diese Themen?

Ich bin ursprünglich aus Südafrika, und mein Hintergrund liegt im interkulturellen und im sprachlichen Bereich. Das interessiert mich mein ganzes Leben lang. Darum habe ich auch Sprachen studiert und eine Sprachenschule und Trainingsinstitut für interkulturelle Kommunikation mitgegründet. Außerdem arbeite ich schon immer mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern und mit internationalen Unternehmen. Ich habe in England, Ägypten, Mozambique, Südafrika und Deutschland gearbeitet. Das hat mir im Laufe der Jahre sehr viel Erfahrung gebracht, die ich an meine Kunden weitergebe.

© Rhetorikmagazin, Christian Bargenda, Fotos: Marinda Seisenberger


Marinda Seisenberger ist Speaker, Trainer und Coach und gilt als führende Expertin zum Thema Diversity. Unter dem Slogan „Take Your Brand Abroad“ unterstützt sie zahlreiche Geschäftskunden, darunter auch DAX-Unternehmen, im Ausland erfolgreich zu arbeiten. Sie ist überzeugt: Vielfalt ist ein strategischer Erfolgsfaktor und Innovationstreiber für Unternehmen.

In ihren Trainings bringt Marinda Seisenberger Mitarbeitern die Bedeutung interkultureller Unterschiedlichkeiten und Vielfalt nahe und zeigt, wie unbewusste geschäftsschädigende Verhaltensweisen im Ausland erfolgreich zu vermeiden sind. Marinda Seisenberger ist GSA Certified Professional Speaker und Mitglied der German Speakers Association – GSA.


Empfehlen Sie diesen Beitrag weiter!