Redeanalyse Joachim Gauck: Die erste Ansprache als Bundespräsident vor der Bundesversammlung am 18.3.2012

Als Publizist und Politiker ist der ehemaliger Pastor für exzellente rhetorische Fähigkeiten bekannt. Bei seiner Ansprache unmittelbar nach der Annahme der Wahl zum Bundespräsidenten am 18. März 2012 hat Dr. h. c. Joachim Gauck den Beweis erneut erbracht.

Äußerliche Fakten der Ansprache

Die Rede hatte 676 Wörter und dauerte 6 Minuten und 40 Sekunden. So hatte Joachim Gauck eine Sprechgeschwindigkeit von rund 101 Wörtern pro Minute. Das Tempo war damit durchschnittlich. Der neu gewählte Bundespräsident hatte es beim Sprechen weder eilig, noch hat er sich besonders viel Zeit gelassen. Als Redenschreiber hätte ich Herrn Gauck eine Rededauer von fünf bis zehn Minuten empfohlen – die Länge war damit passend.

Die Redeinhalte

Die Begrüßung „Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger“ war vollständig und schlicht. Sie war der Bundesversammlung und dem Anlass der Wahl zum Bundespräsidenten formal angemessen. Weder hätte sie weggelassen werden dürfen, noch wäre es angebracht gewesen, weitere Personen hervorzuheben.

Der anschließende erste Satz der Rede lautete „Was für ein schöner Sonntag.“ Gauck ließ eine dramaturgische Pause folgen. Die Wirkung: ein Zwischenapplaus.

Der Satz mag einfach erscheinen und auf eine simple Tatsache hinweisen – einen schönen Sonntag. Gewiss war das ein Ausdruck der Freude über die gewonnene Wahl zum Bundespräsidenten. Er wählte diesen Satz aber auch aus einem anderen Grund: Der 18. März als Wahlsonntag hat für Gauck eine doppelte Bedeutung. Die Auflösung: „Es war der 18. März, heute vor genau 22 Jahren, und wir hatten gewählt. Wir, das waren Millionen Ostdeutsche, die nach 56-jähriger Herrschaft von Diktatoren endlich Bürger sein durften.“

Gauck baut eine Reihe unterschiedlicher Brücken

Mit seinem Redeanfang stellt Gauck einen wichtigen Zusammenhang her: Er verbindet die Wahl zum Bundespräsidenten mit seiner persönlichen Geschichte und seinem Beitrag zur Geschichte Deutschlands. „Ich selber hatte als Sprecher des Neuen Forums in Rostock daran mitwirken dürfen.“

Wenige Sätze später bildet Gauck einen weiteren Zusammenhang. Er spannt einen räumlichen Bogen zwischen seiner Herkunft und Europa: „Ich wusste, diese meine Heimatstadt und dieses graue, gedemütigte Land – wir würden jetzt Europa sein.“

Nach seinen geschichtlichen und geographischen Bezügen geht Joachim Gauck zum Thema Politik über. Er zitiert den Politikwissenschaftler und Journalisten Dolf Sternberger, der in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg die deutsche Politikwissenschaft mitbegründete, mit den Worten: „Ich wünschte mir, ein Bürger zu sein, nichts weiter, aber auch nichts weniger als das.“ Gauck sagt zwei Sätze weiter: „Ich hatte am 18. März 1990 genau denselben Wunsch gespürt, und ich habe damals gefühlsmäßig bejaht, was ich mir erst später theoretisch erarbeitet habe.“ So stellt er erneut einen Zusammenhang her, nämlich zwischen seinem Wunsch und seine Gefühlen und der späteren (rationalen) Arbeit und der Verantwortung.

Nach den unterschiedlichen Facetten seines Lebens, zurück zur Bundespräsidentenwahl

Gauck geht anschließend zum aktuellen Zeitpunkt, zum Wahltag, über: „Ich nehme diesen Auftrag an, […]. Deshalb – was für ein schöner Sonntag, dieser 18. März, auch für mich. Ermutigend und beglückend ist es für mich auch zu sehen, wieviele im Land sich in der letzten Zeit eingebracht haben und auch mich ermutigt haben, diese Kandidatur anzunehmen.“

Indem Gauck den „schönen Sonntag“ wieder aufgreift, ist der Kreis zu seinem Redeanfang geschlossen.

Der Bundespräsident lässt sich alle Möglichkeiten offen

Nachdem er Vergangenheit und Gegenwart thematisiert hat, leitet Gauck nun zu den zukünftigen Themen über, die seine Bundespräsidentschaft prägen könnten. Zuerst streift er das Integrationsthema seines Vorgängers Christian Wulff „ … Menschen, die schon lange und Menschen, die erst seit Kurzem in diesem Land leben …“. Außerdem erwähnt er die „ … Annäherung zwischen den Regierenden und der Bevölkerung …“.

Sehr konkret wird Joachim Gauck hier nicht. Er scheint sich seine Arbeitsschwerpunkte offen halten zu wollen, was auf ein Streben nach einer individuellen, unangepassten Ausgestaltung seines Amtes hindeuten könnte. Gauck ist an dieser Stelle schwer in ein bestimmtes Schubfach zu stecken. Zudem gibt er zu: „Ganz sicher werde ich nicht alle Erwartungen, die an meine Person und an meine Präsidentschaft gerichtet wurden, erfüllen können …“.

Dennoch will er Weitblick und Offenheit zeigen: „Das heißt auch, dass ich mich neu auf Themen, Probleme und Personen einlassen werde, auf eine Auseinandersetzung auch mit Fragen, die uns heute in Europa und der Welt bewegen.“

Verantwortung ist möglich

Im nachfolgenden Dank betont der neue Bundespräsident, dass es bei jedem selbst liegt, ob er Verantwortung übernimmt: „ … es ist unser Land, in dem wir Verantwortung übernehmen, wie es auch unser Land ist, wenn wir die Verantwortung scheuen.“

Die Schlussbotschaft der Rede lautet: „Bedenken sollten wir dabei: Derjenige, der gestaltet, wie derjenige, der abseits steht: Beide haben sie Kinder. Ihnen werden wir dieses Land übergeben. Es ist der Mühe wert, es unsern Kindern so anzuvertrauen, dass auch sie zu diesem Land „unser Land“ sagen können.“ Damit appelliert Gauck – auch wenn nicht alle an der Gestaltung unserer Gesellschaft aktiv mitwirken wollen oder können – an die Verantwortung und an das Gemeinschaftsgefühl. Dieser Schlussgedanke lässt auf eine rechtschaffene, weitblickende Amtsführung hoffen.

Der Sprachstil und die Rhetorik von Joachim Gauck

Trotz geschliffener Sprache, verzichtet Gauck auf auffällige rhetorische Mittel. Zu finden sind einige Klassiker, beispielsweise:

  • Narratio: Die Erzählung der Geschichte seiner ersten freien Wahl
  • Parallelismus: Gleicher Satzbau „Heute nun haben Sie, die Wahlfrauen und -männer, einen Präsidenten gewählt, der sich selbst nicht denken kann ohne diese Freiheit. Und der sich sein Land nicht vorstellen mag und kann, ohne die Praxis der Verantwortung.“
  • Zitat: „Ich wünschte mir, ein Bürger zu sein, nichts weiter, aber auch nichts weniger als das.“ (von Dolf Sternberger)
  • Repetitio: Die Wiederholung des Eingangssatzes „Was für ein schöner Sonntag.“
  • Symbolismus: Durch die Verwendung abstrakter Begriffe wie z. B. Verantwortung, Vertrauen, Erwartungen und Mitwirkung sollen sich möglichst viele Zuhörer mit der Rede identifizieren können.

Der Stil der Rede Joachim Gaucks ist aufgrund der präzisen Wortwahl und der klaren Strukturen durchgängig gehoben. Bemerkbar sind sowohl die außerordentlich gute Vorbereitung, als auch spontanes Sprechdenken. Die Sätze entsprechen dabei meist nicht der Schriftsprache, sondern dem Mündlichen, und gehen grammatikalisch immer auf. Dadurch wirkt Gauck natürlich und souverän. Bei der Wahl der Präpositionen – eine Fehlerquelle bei vielen Rednern – greift Gauck nie daneben. Durch unterschiedliche Satzlängen und bewusste Pausen erhält Gaucks Rede eine maßvolle Dynamik.

Die Rede ist konsequent in der Ich-Form gehalten und erinnert mit ihrer direkten Anrede an einen Dialog. Dadurch können sich die Zuhörer vollständig einbezogen fühlen. Gauck verzichtet ganz auf Man-Formulierungen und fast vollständig auf Passivkonstruktionen. So vermittelt er aktives Denken und Handeln.

Die Sätze in der Rede des Bundespräsidenten sind teilweise verschachtelt. Wenn ein Redner längere Schachtelsätze bildet, müssen die Zuhörer sehr aufmerksam sein, um immer folgen zu können. Hätte Gauck zwar längere Sätze gebildet, diese aber nicht geschachtelt, sondern sie nach dem Schema Hauptsatz-Nebensatz-Nebensatz-Nebensatz gebildet, wäre es auch unkonzentrierten Zuhörern leichter gefallen, alles zu erfassen.

Insgesamt ist die Rede des neuen Bundespräsidenten sprachlich und inhaltlich aus einem Guss und von Anfang bis Ende schlüssig. Entweder hat Gauck einen sehr guten Redenschreiber, oder er hat selbst zum Stift gegriffen. Letzteres liegt aufgrund seiner umfassenden Erfahrung als Redner nahe.

Die vollständige Rede im originalen Wortlaut finden Sie hier.

Rhetorikmagazin
© Christian Bargenda, rhetorikmagazin.de


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