Die Rede von Christian Wulff: Eine rhetorische Analyse seines Rücktritts

Am 17. Februar 2012 verkündete Christian Wulff im Schloss Bellevue vor versammelter Presse seinen Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten. Hier die Redeanalyse:

Bei der öffentlichen Erklärung eines Politikers in einem hohen Amt muss jedes Wort sitzen, nichts darf missverstanden werden.

Wie in solch entscheidenden Situationen sinnvoll, hält Christian Wulff seine Rücktrittsrede nicht frei, sondern liest sie ab. Es handelt sich daher nicht um eine Rede im klassischen Sinne, sondern um eine Verlesung.

Zügig gesprochen

Der tatsächlich vorgetragene Redetext hat 416 Wörter, das Manuskript Wulffs 398. Die Differenz kommt durch Füllwörter wie „auch“ zustande, die Wulff beim Sprechen eingefügt hat, sowie durch eine inhaltliche Ergänzung am Ende der Rede. Mit rund 3 Minuten und 40 Sekunden für 416 Wörter hat Wulff eine leicht erhöhte Redegeschwindigkeit von gut 113 Wörtern pro Minute. Zur Einordnung: Redenschreiber rechnen bei Reden mit eher sachlichem Charakter mit einer Sprechgeschwindigkeit von etwa 95 bis 100 Wörtern pro Minute.

Eine Rede im Schreibstil

Sprachlich gesehen handelt es sich um eine sogenannte Schreibe, keine Rede. Das heißt, der Redestil entspricht nicht dem gesprochenen Wort wie z. B. ein einem Dialog oder einer frei gehaltenen Rede. Ein Beispiel hierfür ist die Satzstellung gleich am Anfang: „Gerne habe ich die Wahl zum Bundespräsidenten angenommen und mich mit ganzer Kraft dem Amt gewidmet.“ Würde man den Satz frei sprechen, würden die meisten eher sagen „Ich habe die Wahl zum Bundespräsidenten gerne angenommen …“.

Den Rücktritt am Anfang vorweggenommen

Die Vergangenheitsform im zweiten Satz – „Es war mir ein Herzensanliegen, den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu stärken.“ – deutet schon zu Beginn der Erklärung darauf hin, dass Wulff im Laufe der Rede seinen Rücktritt bekannt geben wird. Anschließend beschreibt er sein Hauptanliegen als Bundespräsident, die Integration. Von hier aus leitet Wulff zum Thema „Vertrauen“ über, welches notwendig für seine Arbeit als Bundespräsident sei.

Vertrauensverlust in der Leidensform

Einen entscheidenden Satz hierbei, genau gesagt dessen zweiten Halbsatz, formuliert Wulff im sogenannten Zustandspassiv: „Die Entwicklung der vergangenen Tage und Wochen hat gezeigt, dass dieses Vertrauen und damit meine Wirkungsmöglichkeiten nachhaltig beeinträchtigt sind.“ Das Passiv, auch Leidensform genannt, wird in Reden oft dann verwendet, wenn jemand tatsächlich – möglicherweise ohne einen Einfluss darauf zu haben – etwas erleidet. In diesem Fall ist es die Beeinträchtigung des Vertrauens.

Kurz nach dieser vorweggenommenen Begründung verkündet Wulff mit dem Satz „Ich trete deshalb heute vom Amt des Bundespräsidenten zurück, um den Weg zügig für die Nachfolge frei zu machen.“ seinen Rücktritt.

Stilistischer Bruch nach Rücktrittsverkündung

Bis zu dieser Stelle scheint die Rede aus einem Guss zu sein. Die Sätze haben einen ähnlichen Rhythmus, die Wortwahl ist sehr präzise, Wulff weicht kaum von seinem Manuskript ab, die Argumentation ist in sich schlüssig, und die Übergänge sind fließend.

Mit der anschließenden Erklärung zu den Vertretungsfragen wechselt Wulff den Rhythmus: „Bundesratspräsident Horst Seehofer wird die Vertretung übernehmen. Bundeskanzlerin Angela Merkel wird auf der so wichtigen Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt am Donnerstag der kommenden Woche sprechen.“ Der Parallelismus dieser beiden Sätze scheint unabsichtlich verwendet worden zu sein, da die mit diesem rhetorischen Stilmittel verbundene Wirkung hier nicht notwendig ist: Weder muss dieser Stelle besonderes Gewicht verliehen werden, noch handelt es sich um einen komplizierten Sachverhalt, der durch dieselbe Anordnung der Satzglieder übersichtlicher werden müsste. Diese Sätze erwecken den Eindruck, als seien sie erst später, von Wulff selbst oder einem anderen, eingefügt worden.

Natürlicherer Sprachstil bei den persönlichen Themen Wulffs

Nun ist in der Verlesung das Thema Bundespräsidentschaft abgehandelt, und Wulff geht zu den Streitfragen über, die ihn persönlich betreffen. Die Worte die jetzt folgen, sind vermutlich sehr genau gewählt, denn weil Wulff mit Ermittlungen der Staatsanwalt rechnen muss, will er sich kaum auf juristisches Glatteis begeben. Die Sätze über die rechtlichen Themen und die Berichterstattung sind nicht mehr im Stil einer Schreibe wie der vorherige Teil seines Manuskripts, sondern in einem natürlicheren Duktus formuliert – ein klarer Bruch im Sprachstil.

Der vielleicht härteste Wechsel

Nach dem Satz „Die Berichterstattungen, die wir in den vergangenen zwei Monaten erlebt haben, haben meine Frau und mich verletzt.“ folgt ohne Übergang der Dank an bestimmte Personenkreise. Dieser abrupte Themenwechsel kann verschiedene Ursachen haben: Möglich wäre, dass Wulff mit dem Bruch an dieser Stelle seinen Vorwurf an die Medien besonders deutlich machen wollte. Es könnte aber auch sein, dass hier mit heißer Nadel gestrickt wurde und, ohne auf einen guten rhetorischen Stil zu achten, Wörter oder Sätze gestrichen wurden.

Weglasstechnik für ungeliebte Personen?

Beim Dank könnte Wulff, wie z. B. in Arbeitszeugnissen üblich, mit der Weglasstechnik gearbeitet haben. Das bedeutet, alles, womit er unzufrieden war, wird weggelassen. Konkret: Er bedankt sich bei Bürgerinnen und Bürgern, bei Mitarbeitern und bei Familie und Ehefrau. Er bedankt sich nicht bei der Bundeskanzlerin oder z. B. bei Freunden.

Im Schluss die Härte nehmen

Am Ende seiner Rede weicht Wulff, scheinbar spontan, von seinem Manuskript ab. Der letzte Satz lautet ursprünglich: „Ich wünsche allen Bürgerinnen und Bürger, denen ich mich vor allem verantwortlich fühle, eine gute Zukunft.“ Wulff ergänzt ihn und sagt: „… und schließe Sie alle dabei ausdrücklich mit ein.“ Hier spricht er die anwesenden Medienvertreter an und will sich eventuell versöhnlich zeigen.

Das Fazit aus rhetorischer Sicht

Insgesamt erscheint die Rede stilistisch uneinheitlich und sie enthält Brüche. Wie konnte das kommen? Es ließe sich so erklären, dass Wulff die Rede vielleicht selbst geschrieben oder aus verschiedenen Versatzstücken zusammengesetzt hat und anschließend seine Berater das eine oder andere geändert, gekürzt oder eingefügt haben. Oder umgekehrt: Die Rede wurde von einem seiner Berater geschrieben, und Wulff oder andere haben anschließend manche Stellen geändert, eingefügt oder gekürzt – jeder mit einem anderen Stil.

Rhetorikmagazin
© Christian Bargenda, rhetorikmagazin.de

Die Rücktrittserklärung von Christian Wulff.
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Christian Bargenda
Über Christian Bargenda 66 Artikel
Dies ist ein Beitrag von Christian Bargenda, Chefredakteur des Rhetorikmagazins. Christian Bargenda ist Experte für Führungsrhetorik und arbeitet als Rhetorikberater und Redenschreiber. Er berät Führungskräfte der obersten Ebene, die ihre Wirkung und Überzeugungskraft als Redner optimieren und Menschen für ihre Ziele gewinnen wollen. Zu seinen Kunden zählen deutsche und internationale Unternehmen, darunter DAX30- und Dow-Jones-Global-Titans-50-Konzerne, sowie bekannte Persönlichkeiten. Sie finden Christian Bargenda auch auf Twitter, auf Google+ und auf seinen eigenen Internetseiten.