Der Einstieg – die Sekunden vor Ihrer Rede: Rhetorikwissen vom Präsentationsprofi Michael Moesslang

Teil eins der sechsteiligen Serie mit Tipps für Ihre Präsentationen und Reden. Von Michael Moesslang. –

„Guten Abend … ich möchte anfangen“, ruft der Redner, um das Publikum zur Ruhe zu bringen. Im Auditorium ist es recht laut, und so ruft er nochmals. Dann wird es langsam ruhig, und er fängt an zu sprechen, sobald er das Gefühl hat, seine Stimme ist laut genug, um die paar wenigen, die immer noch tratschen, zu übertönen. Nach zwei, drei Sätzen sind dann endlich alle ruhig.

„Ja wie denn sonst?“

So – oder so ähnlich – beginnen viele Redner oder Moderatoren, wenn sie vor einem vollen Saal sprechen. Sie scheinen keine Alternative zu kennen. Zunächst: was sind die Nachteile?

  1. Der Redner übt Dominanz aus, indem er Ruhe befiehlt. Okay, vielleicht etwas krass ausgedrückt, aber im Grunde schon richtig. Dominanz erzeugt jedoch keine Sympathie.
  2. Wo sind die Zuschauer mit ihren Gedanken? Bei dem Satz, den sie als Nächstes sagen wollten, doch sicher nicht beim Redner. Das bedeutet, dass schon der Beginn der Rede oder Präsentation untergeht, mangels Aufmerksamkeit.

Dabei ist der Einstieg besonders wichtig, da er als erster Eindruck darüber entscheidet, ob das Publikum fortan gerne zuhört oder sich eher in eine gelangweilten Zustand versetzt.

Ihre Rede beginnt schon weit vorher

Wenn Sie der Redner sind, der Ruhe erzeugen muss, haben Sie immer eine schwere Aufgabe. Es ist viel einfacher, wenn Sie anmoderiert werden oder wenn ein Gong oder Musik den Beginn ankündigt. Doch das gibt es nicht überall oder ist auch manchmal unpassend.

Vor Beginn halten Sie sich nicht auf der Bühne auf, sondern im Publikum oder „off stage“, also hinter der Bühne bzw. außerhalb des Raumes. Wollen Sie beginnen, gehen Sie festen Schrittes zur Bühne und stellen sich dort in die Mitte. Sie stehen gerade und richten den Blick zum Publikum.

Die Zeit sinnvoll nutzen

Es wird nun eine Weile dauern, bis das Publikum merkt, dass Sie anfangen wollen. Diese Weile gilt es vor allem auszuhalten, denn manch Redner kämpft nun mit Nervosität. Es ist eine Sache der Übung und der richtigen Technik im Umgang mit Lampenfieber, diese Zeit auszuhalten. Je nach Größe des Publikums kann es nämlich bis zu zwei Minuten dauern, bis alle ruhig sind. Bei kleinen Gruppen ist dies auch schon nach wenigen Sekunden erreicht.

Während Sie zum Publikum Kontakt aufbauen und ihm signalisieren, dass Sie beginnen wollen, nutzen Sie die Zeit am besten für Ihre Atmung. Es ist eine natürliche Reaktion bei Stress (und Lampenfieber ist eine Form des Stress), dass Sie Ihren Bauch anspannen und dadurch die Atmung in den oberen Bereich wandert. Deshalb sind viele Redner vor allem zu Beginn der Rede kurzatmig, denn bei der Brustatmung wird weniger Luft geatmet und dadurch auch weniger Sauerstoff ausgetauscht. Das reduziert nicht nur die Luft sondern auch den fürs Denken so wichtigen Sauerstoffgehalt in der Atemluft.

Lösen Sie nun bewusst die Anspannung in Ihrem Bauch und atmen Sie tief in den Bauchraum und die Flanken. Sie werden sehen, das mindert Ihre Nervosität.

Richtig stehen

Um souverän zu wirken, ist ein guter Stand wichtig. Doch viele fragen sich an dieser Stelle, wohin mit den Händen und Beinen und probieren verschiedene Stellungen aus, wanken von einem Bein aufs andere. Das wirkt dann eher unruhig als souverän. So stehen Sie richtig:

Füsse parallel und etwas weniger als Schulterbreit (auch für Damen). Knie nicht nach hinten durchdrücken, aber auch nicht wackeln oder wippen. Oberkörper aufrecht – Achtung: keine hängenden Schultern aber auch nicht zu steif nach hinten. Kopf gerade. Nase hoch würde arrogant wirken, Nase runter unsicher und devot.

Die Hände nehmen Sie locker ineinander etwas oberhalb Ihres Gürtels. Von hier aus können Sie wunderbar Gestik machen, sobald Sie sprechen. Spielen Sie nicht mit einem Ring, dem kleinen Finger oder gar einem Gegenstand. Nehmen Sie auch nur Dinge in die Hand, die sie unbedingt brauchen, wie beispielsweise eine Fernbedienung. Stifte auf keinen Fall, wenn Sie nicht gerade schreiben. Die Idee, etwas in die Hand zu nehmen, um Nervosität zu beruhigen ist falsch. Durch das Spielen mit dem Gegenstand wird Ihre Nervosität auch noch sichtbar, und tatsächlich ruhiger werden Sie nur vermeintlich.

Ihr Kontakt zum Publikum

Den Kontakt zum Publikum stellen Sie über Ihre Blicke her. Schauen Sie in aller Ruhe einzelne Personen im Publikum an, warten Sie, bis diese ruhig sind und lächeln Sie sie an. Das machen Sie so lange, bis alle bereit sind, Ihnen zuzuhören. Personen, die sich nach hinten umgedreht haben oder die noch stehen, werden nun von anderen auf Sie aufmerksam gemacht, und schon nach kurzer Zeit wird es immer stiller. Diese beginnende Ruhe merken diejenigen, die noch nicht schweigen, und so werden schließlich alle ruhig.

Doch Sie sprechen immer noch nicht. Denn jetzt gilt es, die Spannung zu steigern. Sobald Sie merken, dass alle ihre Blicke auf Sie gerichtet haben, warten Sie noch einen kurzen Moment, vielleicht drei Sekunden (zählen Sie diese innerlich, denn intuitive Wahrnehmung von Zeit auf der Bühne täuscht leicht). Diese drei Sekunden lassen auch beim Publikum Ungeduld und damit Spannung entstehen. Das ist der Moment, in dem man eine Stecknadel fallen hören könnte.

Ein starker Einstieg ist die halbe Miete

Ihren ersten Worten kommt nun besondere Bedeutung zu. Deshalb beginnen Sie nie mit Floskeln wie „Guten Tag, mein Name ist …“ oder „ich freue mich, dass Sie so zahlreich …“. Starten Sie mit einem starken Satz, der direkt ins Thema hineinführt. Sollten Sie unbedingt grüßen müssen, tun Sie das nach Ihrem starken Einstieg.

Wenn Sie diese Tipps in Ihrer Rede beherzigen, werden Sie erleben, dass die Aufmerksamkeit viel höher ist und das Publikum von der ersten Sekunde an bei Ihnen.

Autor: Michael Moesslang
© Rhetorikmagazin


Michael Moesslang ist „Der Hitchcock der Präsentation“, 5-Sterne-Redner, Top-100-Excellence-Trainer, Coach, Erfolgsautor und Experte für spannende und überzeugende Präsentationen. Er ist Inhaber des PreSensation Institute in München.

Michael Moesslang - präsentieren wie HitchcockSeine Keynote-Vorträge und Seminare zu den Themen Präsentation, Rhetorik, persönliche Wirkung und Körpersprache motivieren, seine gelebte und stimmige professionelle Authentizität aktiviert. Seine Überzeugung ist, dass jeder einzelne durch die eigene persönliche Wirkung und durch Selbstsicherheit im Auftreten zum positiven Botschafter für sich und sein Unternehmen wird.

Als Experte seines Faches bezieht er aktuelle Erkenntnisse aus der Psychologie und den Verhaltenswissenschaften ein. Michael Moesslang aktivierte als Vortragsredner und Lehrbeauftragter – z. B. St. Galler Business School – bereits Zuhörer in über 1.000 Vorträgen und Präsentationen. Sein Buch „So würde Hitchcock präsentieren: Überzeugen Sie mit dem Meister der Spannung“ führte wochenlang die Bestsellerliste „Präsentation“ bei Amazon an.


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